20 Jahre Grunge

Rock Classics Sonderheft

Veröffentlicht: 17.05.2011 / Slam Media Verlag GmbH

Von: Thomas Kröll

20 Jahre Grunge

Was Elvis Presley für die 60er, Led Zeppelin für die 70er oder U2 für die 80er Jahre waren, verkörperten in den frühen 90ern all jene Bands, die dafür sorgten, dass die globale Musikwelt fasziniert in Richtung Seattle blickte. Innerhalb weniger Monate erschienen Ende 1991/Anfang 1992 solch grossartige Alben wie "Dirt" von Alice In Chains, "Badmotorfinger" von Soundgarden, "Ten" von Pearl Jam und natürlich "Nevermind" von Nirvana. Um nur mal die Speerspitze der Bands zu nennen, die unter dem Marketing-Banner "Grunge" für die bis heute letzte weltweite Jugendbewegung von Bedeutung sorgten. Mehrere Jahre lang wurde Seattle für (fast) alle zwischen 1965 und 1975 Geborenen zum Nabel der Welt. Dabei hatte die Stadt im Nordwesten der USA vorher bereits mit Jimi Hendrix einen mehr als berühmten Sohn und eine äußerst lebendige Musikszene vorzuweisen (Queensryche!). Aber erst "Smells Like Teen Spirit" sorgte für die Initialzündung. Wie die Geschichte endete, ist bekannt: Manche Bands zerbrachen (Nirvana), manche überdauern nach wie vor den Trend (Pearl Jam) und wieder andere sorgen im Underground weiterhin für hochwertige Musikkost (Mudhoney).

Im Herbst 2011 jährt sich die von Seattle ausgehende Neudefinition der Musiklandschaft zum 20. Mal. Grund genug für die Kollegen des Wiener Slam Media Verlages mit dem fünften ihrer qualitativ hochwertigen Sonderhefte aus der "Rock Classics"-Reihe dem Phänomen "Grunge" noch einmal nachzuspüren und jeden, der damals hautnah dabei war, auf eine ebenso spannende wie nostalgische Zeitreise mitzunehmen (übrigens zum fanfreundlichen Preis von nur 6,90 EUR). Dabei ist ihnen bewusst, dass sich der Begriff "Grunge" weder "zeitlich, musikalisch noch ideologisch genau festmachen" lässt. Begann der Hype tatsächlich erst 1989 als ihn der englische Musikjournalist Everett True erstmals im Zusammenhang mit der Musikszene Seattles benutzte? Oder schon 1985 mit der Green River-EP "Come On Down"? Und starb Grunge, als sich Kurt Donald Cobain am 5. April 1994 eine Ladung Schrot in den Kopf schoß oder - so zumindest die Meinung des US-Autors Chuck Klosterman - mit der Veröffentlichung des Bush-Debütalbums "Sixteen Stone" im selben Jahr?

Diesen und vielen anderen Fragen gehen die Autoren in "20 Jahre Grunge" detailliert nach - zumindest soweit dies auf 130 Seiten möglich ist. Dazu gibt es vier Poster, eine fette Verlosung am Heftende und teilweise bislang unveröffentlichtes Fotomaterial, darunter Auszüge aus dem Abschiedsbrief von Kurt Cobain, der mit den Worten "It`s better to burn out, than to fade away" aus dem Neil Young-Song "My My, Hey Hey (Out Of The Blue)" schließt. "Es ist besser auszubrennen als langsam zu verblassen" - damit ist schon viel über die damalige Zeit gesagt. Unter der Überschrift "Eine Geschichte voller Missverständnisse?" wird das Sonderheft von einem Abriss der "History des Grunge" eingeleitet, angefangen bei Bing Crosby und The Wailers! Die Haupteinflüsse werden beleuchtet: Von Black Sabbath und den Pixies über Dinosaur Jr. und Sonic Youth bis hin zum bereits erwähnten "Godfather" Neil Young. Es folgen ausführliche Features der wichtigsten Protagonisten: Mudhoney, Green River, Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden, Mother Love Bone, Screaming Trees, Alice In Chains und des im doppelten Wortsinne einmaligen Sideprojects Temple Of The Dog sowie eine Hommage an all "Die Vergessenen der Grunge-Ära" (Babes In Toyland, Love Battery, TAD, Skin Yard oder Mad Season, deren einziges Album "Above" von 1995 ich mir nach der Lektüre auch nochmal aus meinem CD-Regal gekramt habe). Die Autoren blicken zurück auf das legendäre Sub Pop-Label ("Die Soundschmiede des anderen Amerika"), küren die zehn besten Alben jener Dekade, deren Ranking ebenso überraschend wie erfreulich "Temple Of The Dog" (1991) anführt und wagen es sogar, sich der Person und Rolle von Courtney Love zu nähern. Abgerundet wird "20 Jahre Grunge" von einigen exklusiven Interviews (besonders lesenswert ist dabei das mit Glitterhouse-Gründer Reinhard Holstein), Film- sowie Buchempfehlungen und der Vorstellung so manchen schrägen Merchandise-Produktes.

Dass sich dabei kleine Fehler einschleichen liegt in der Natur der Sache. Aber der Umstand, dass der geschätzte Kollege Jörg Staude an einigen Stellen in Jürg umgetauft und aus Jimi ein gewisser Jimmy Hendrix wird, ist ebenso verzeihlich wie die Tatsache, dass Pearl Jam auch heute noch des öfteren den Mother Love Bone-Song "Crown Of Thorns" und nicht wie geschrieben "Man Of Golden Words" in ihr Live-Set einbauen. Denn vor allem gelingt es "20 Jahre Grunge" - und das ist am höchsten zu bewerten - den Leser noch einmal an viele Orte zu führen, die mit ganz besonderen Erinnerungen verbunden sind. Auf die Studentenparty, auf der zum ersten Mal "Nevermind" lief (und lief und lief...). In die Bonner Biskuithalle zum Live-Doppelpack von Alice In Chains und den Screaming Trees anno 1993. Oder in den Nachtzug nach Prag, in dem wir 1996 auf dem Weg zum ersten Pearl Jam-Konzert unseres Lebens vor lauter Vorfreude keinen Schlaf fanden. Einmal Seattle und zurück! Letztlich bringt es jedoch Produzentenlegende Jack Endino am treffendsten auf den Punkt: "Es war wie ein Goldrausch, und die, die überlebt haben, sind froh, dabei gewesen zu sein".

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