A Tribute To Sex Pistols

Jeff Bench

Veröffentlicht: 15.09.2006 / Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag GmbH

Von: Thomas Kröll

A Tribute To Sex Pistols

Ich kann mich noch gut daran erinnern. Klassenfahrt im 8. Schuljahr, das muss so um 1982 herum gewesen sein. Irgendeiner packte im Bus seinen Ghettoblaster aus und ließ Â„Never Mind The Bollocks“ laufen, das erste und einzige Album der Sex Pistols von 1977. Zur aktiven Zeit der Band waren wir noch zu jung gewesen und Anfang der 80er hing der Musikgeschmack der meisten von uns irgendwo zwischen Alan Parsons Project und Roxy Music fest. Immerhin hatten wir noch Billy Idol. „Anarchy In The U.K.“ oder „God Save The Queen“ haben uns eine Zeitlang gefesselt. Die Sex Pistols waren laut, wild, provokativ und damit faszinierend. Auch wenn meines Wissens damals keiner von uns eine Karriere als Punk eingeschlagen hat. Zumindest habe ich nach besagter Klassenfahrt einen großen Union Jack an die Wand meines Zimmers gepinselt und „Fuck Society“ draufgeschrieben. Wenigstens meine Eltern waren schockiert.

In den Jahren danach hat Ex-Pistol Johnny Rotten mit Public Image Ltd. („This Is Not A Love Song“) dann noch einmal versucht, dieses einzigartige Gefühl von 1982 wachzurufen, aber da war es schon zu spät. Auch die Reunion der früheren Sex Pistols` Johnny Lydon (alias Johnny Rotten), Glen Matlock, Steve Jones und Paul Cook 1996 und noch einmal 2002/2003 ging relativ unbemerkt an mir vorüber. Bassist Sid Vicious starb bereits am 2. Februar 1979 an einer Überdosis Heroin, nachdem er angeklagt worden war, seine Freundin Nancy Spungen im Rausch erstochen zu haben.

Die kurze aber heftige Bandgeschichte dokumentiert Jeff Bench nun in dem vorliegenden Bildband „A Tribute To Sex Pistols“. Nach „A Tribute To Queen“ (Besprechung findet ihr ebenfalls bei uns) der zweite Band einer Buchreihe mit Fotografien aus dem Fundus der Rex Collection. Die deutschen Ausgaben erscheinen exklusiv im Berliner Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. Die britische Presseagentur Rex Features verfügt über einen weltweit vermutlich einzigartigen Bestand an Aufnahmen zu vielen Bands der Rockgeschichte seit 1954.

Das Schöne an den Veröffentlichungen von Schwarzkopf & Schwarzkopf ist: Hier gibt es außergewöhnliche Qualität zu einem fairen Preis. Auch „A Tribute To Sex Pistols“ glänzt im wahrsten Sinne des Wortes mit über 200 Schwarzweiß- und Farbabbildungen auf 160 Seiten, noch dazu im Großformat (24x30 cm). Als Premium Hardcover (mit Schutzumschlag) sowie durch das fadengeheftete, schwere und durchgehend vierfarbig gedruckte Bilderdruckpapier wird das Buch endgültig zum Schmuckstück und kostet vergleichsweise läppische 29,90 €.

Aber auch der Inhalt ist jeden Cent davon wert! Die Fotos zeigen deutlich die enorme Bühnenpräsenz der Sex Pistols. Sie präsentieren die Band bei der konzentrierten Arbeit im Studio ebenso wie ausgebrannt nach den Gigs. Sie entführen uns noch einmal in das biedere England Mitte der Siebziger Jahre, als beim heimischen Metzger sogar die Würstchen in den Nationalfarben verkauft wurden. Dazu gibt es Aufnahmen von der Vertragsunterzeichnung mit A&M Records vor dem Buckingham Palast. Der Vertrag wurde übrigens acht Tage später schon wieder aufgelöst, unter anderem weil Sid Vicious bei der anschließenden Feier über den Schreibtisch des Geschäftsführers gekotzt haben soll. Auch Einzelporträts der Bandmitglieder sind zu finden, wobei insbesondere der berühmte starre Blick von Johnny Rotten noch einmal äußerst lebendig wird.

Überhaupt widmet Bench den einzelnen Musikern erfreulich viel Raum und skizziert ihren Werdegang vor, während und nach ihrer Zeit bei den Sex Pistols. Hinzu kommen Kurzporträts der damaligen Chef-Designerin Vivienne Westwood und des Pistols-Entdeckers und –Managers Malcolm McLaren (der uns später mit Adam And The Ants und Songs wie „Buffalo Gals“ quälte). Im Mittelpunkt aber steht die eigentliche Geschichte der Sex Pistols, angefangen beim ersten Auftritt am 6. November 1975 in der Londoner Saint Martin`s School of Art. Bench erzählt, wie Sid Vicious in die Band kam. Vicious hieß eigentlich John Ritchie, entlieh seinen Künstlernamen aber John Lydon`s Hamster, der angeblich immer sofort zubiss, wenn er provoziert wurde. Er erklärt, dass Lydon sein eigenes Alias Johnny Rotten seinen schlechten Zähnen zu verdanken hat. Der berüchtigte TV-Auftritt am 1. Dezember 1976, als Pistols-Gitarrist Steve Jones Moderator Bill Grundy aufs heftigste beleidigte, ist im Wortlaut abgedruckt. Ebenso legendär ist der Auftritt der Band zum 25jährigen Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. 1977, als sie auf einem kleinen Touristenboot über die Themse tuckerten und vor versammelter Journalistenschar in voller Lautstärke ihr „Anarchy In The UK“ zum Besten gaben. Deutlich wird auch die schleichende Selbstzerstörung der Band, die sich besonders im angespannten Verhältnis zwischen Lydon und McLaren begründete. Erst am 28. Oktober 1977 erschien bei Virgin dann „Never Mind The Bollocks – Here`s The Sex Pistols“. Anfang 1978 ging die Band auf US-Tournee, an deren Ende Johnny Rotten endgültig ausstieg und damit die Auflösung markierte.

In Wahrheit ging die Geschichte der Sex Pistols aber wohl bis 1980 weiter, als McLaren`s semi-dokumentarischer Film „The Great Rock`n Roll Swindle“ erschien. Bis dahin hatte in erster Linie Sid Vicious noch einmal mit diversen Coverversionen („My Way“ oder „C`mon Everybody“) für Beachtung gesorgt. „C`mon Everybody“ wurde sogar zum zweiterfolgreichsten UK-Hit der Sex Pistols.

Die Songs der Sex Pistols hingegen tauchten trotz Verkaufserfolg nicht in den britischen Charts auf, weil sie von den Radiosendern boykottiert wurden. Viele Städte belegten die Band mit Auftrittsverboten. Sie veröffentlichten nur ein reguläres Album und bestritten nicht mehr als 50 Konzerte. Trotzdem gibt es wohl kaum eine Band, die die Musikgeschichte so nachhaltig beeinflusst hat. Jeff Bench ist mit „A Tribute To Sex Pistols“ eine wunderbar kurzweilige, vor allem aber authentische Beschreibung ihrer unbezähmbaren musikalischen und politischen Leidenschaft gelungen!

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