Greg Gaffin / Steve Olson
Gregory Walter "Greg" Graffin ist nicht nur Sänger und treibende Kraft der Punkrocker Bad Religion. Er hat Zoologie studiert, an der kalifornischen Cornell University promoviert und ist dort Dozent für Biologie und Paläontologie. Schwerpunkt: Evolutionsforschung. Und jetzt das. Ein Buch über den Sinn des Lebens. Schon seit frühester Jugend befasst sich Graffin mit dieser Frage und der Existenz bzw. Nicht-Existenz von Gott.
Wenn man sein Buch liest (das zwar nur wenig mit der musikalischen Seite des Autors zu tun hat, diese jedoch immer wieder in die Überlegungen mit einbezieht), sieht sich Graffin als modernen Darwin. Als bekennenden Atheisten, der die Schöpfungsgeschichte und Formen der Religiosität von Berufs wegen anzweifelt. Macht Sinn, wenn man in diesen Gedankengängen authentisch bleiben will – ist aber sicher kein Muss. Dennoch passt das in der Vergangenheit oft umstrittene Bad Religion-Logo mit durchgestrichenem Kreuz ("Crossbuster") in diese Linie perfekt hinein.
Graffin vermischt die persönliche und musikalische Biographie mit philosophischen Gedankengängen und gibt ganz nebenbei eine Lehrstunde zur modernen Evolutionstheorie – vom naturalistischen Weltbild über die Grundstrukturen von Leben und Evolution bis hin zur Frage nach dem Weiterleben jenseits des körperlichen Todes. Schwierige Kost, die Graffin aber unterhaltsam und anschaulich an den Leser bringt. Man darf sich freuen, dass es zu dem oft trockenen Thema kein pseudo-wissenschaftliches Geschwafel gibt. Im Gegenteil.
Graffin vermischt seine Erfahrungen und Ideen wunderbar mit den Anekdoten eines Rockstar-Lebens, erzählt von Autoritätsproblemen, der Liebe zur Musik und spart auch die üblichen Sex- und Drogen-Eskapaden nicht aus. Trotzdem ist es ein Lehrbuch. Der Titel "Anarchie und Evolution" fasst die beiden Hauptaspekte des Buchs perfekt zusammen. Der Leser ist schlauer, wenn er den Wälzer durch hat, und er hat Graffin als Menschen näher kennen gelernt. Man muss fast sagen: lieben oder zumindest mögen gelernt. Jemand, mit dem man sich gerne mal auf ein Bierchen zusammen setzen und über Gott und die Welt plaudern möchte.
Ich will aber nicht verschweigen, dass es auch einen Co-Autor gab: Steve Olsen ist preisgekrönter Wissenschaftsautor, der auch für zahlreiche Zeitschriften journalistisch tätig ist. Zusammen haben sie ein äußerst spannendes Werk verfasst. Und mal ehrlich: Graffin behauptet zu Beginn, viele seiner Studenten wüssten gar nicht, dass er im zweiten Leben ein berühmter Sänger ist. Das will ich mal bezweifeln. Auch auf großen Unis ist die Mund-zu-Mund-Propaganda ein wirkungsvolles meinungsbildendes Instrument. Spätestens nach dem neuen Standardwerk ihres Lieblingsdozenten werden sie jedenfalls Bescheid wissen.