PINK FLOYD - Die frühen Jahre

Barry Miles

Veröffentlicht: 30.06.2008 / Hannibal-Verlag

Von: Andreas Weist

PINK FLOYD - Die frühen Jahre

Allein mit den Werken der Sekundärliteratur zu Pink Floyd, die der Internethändler Amazon listet, könnte man ein kleines Bücherregal füllen. Die Bücher von Nick Mason und Marcus Hearn sowie der Fotoband zu Syd Barrett von Mick Rock wurden ja erst kürzlich an dieser Stelle gewürdigt. Braucht man nun einen weiteren Staubfänger im Regal, um das Phänomen Pink Floyd zu verstehen? Ich sage mal ganz frech: Ja. Denn zu der Entwicklung dieser Ausnahmeband über inzwischen fast 45 Jahre hinweg und vor allem die Anfänge von der psychedelischen Ausrichtung unter Syd bis hin zum weltweiten Durchbruch Anfang der 70er Jahre ist noch längst nicht alles gesagt. So widmet sich der Wälzer von Musikjournalist Barry Miles, der dieser Tag auf deutsch beim Hannibal Verlag erscheint, den „Early years“, den frühen Jahren der Band. Die englische Originalausgabe erschien bereits 2006. Barry Miles – 1943 in Cirencester geboren – gehört zu den wichtigsten Biografen der Insel und betrieb in den 60er Jahren die „Indica Gallery“ in London, wodurch er viele Szenelieblinge kennen lernen durfte. Biografische Werke liegen unter anderem zu den Beatles, Paul McCartney, Frank Zappa, Charles Bukowski und Jack Kerouac vor.

Während Nick Mason in „Inside Out“ eine sehr subjektive Sichtweise an den Tag legte und aufgrund der Nähe zu Band gekonnt aus dem Nähkästchen plaudern konnte, geht Miles um ein Vielfaches objektiver an die Sache heran und untersucht quasi mit dem Seziermesser die Strukturen der Bandgründung und verfolgt den Weg der ersten Jahre mit viel Hintergrundwissen und dennoch der nötigen Distanz des Beobachters von außen. Und wo sich Marcus Hearn und Mick Rock dem Phänomen mit vielen Bildern widmen, kommen diese zwar bei Barry Miles auch nicht zu kurz – er legt aber auf 270 in epischer Erzählbreite angelegten Seiten den Schwerpunkt auf die Geschichte und ein literarisches Porträt der Band.

Die Geschichte startet in Cambridge, wo Syd Barrett, Roger Waters und David Gilmour die Schulbank drückten. Der Fokus muss aber zunächst auf Syd und David liegen, die vereinzelte Straßekonzerte zusammen gaben, aber noch keine Band gründeten. Barrett zog es genau wie Waters in die große Stadt London. Roger Waters lernte dort während seines Architekturstudiums Nick Mason und Rick Wright kennen, was zur Gründung der Coverband Sigma 6 führte. Als Syd 1966 dazustieß, gab man sich den Namen „The Pink Floyd Sound“, was schrittweise auf die beiden prägnanten Worte reduziert wurde. 1968 kam schließlich David Gilmour mit dazu, dessen eigene Band sich gerade auflöste. Der Rest ist Zeitgeschichte.

Miles erzählt gradlinig, oft in Form eines dokumentarischen Essays, fügt aber nette Anekdoten ein und gibt wichtige Aussagen als O-Ton der Bandmitglieder wieder. Das liest sich sehr spannend und es ist offensichtlich, dass der Auto über ein breites Hintergrundwissen verfügt und sehr viel aus erster Hand zu berichten weiß. Es wird darüber berichtet, wie der frühe Tod des Vaters sich auf Waters’ Songwriting auswirkt, welchen Stellenwert Radio Luxemburg in der Teenagerzeit mancher Bandmitglieder hatte und wie Syds Katzen Pink und Floyd zu Namensgebern wurden. In den Text integriert wurden Biographien aller Bandmitglieder, die sich auch der Familiengeschichte widmen. Wir erfahren von der Hyperaktivität Syds und seiner künstlerischen Ader, und es wird die tragische Geschichte erzählt, wie Gilmours Au-Pair-Mädchen sich auf Davids erste Schellack-Platte „Rock Around The Clock“ setzt.

Die Hintergründe sind umfassend. Mit dem Londoner Underground setzt sich Miles in einer Zeit auseinander, als die Floyds noch nicht als Protagonisten sondern nur als Konsumenten dabei waren. Überhaupt wird die Szene der Hauptstadt detailliert beleuchtet: die Auftritte im Marquee-Club beispielsweise, oder Pink Floyd mit ihrer experimentellen, psychedelischen Musik als Hausband des UFO-Clubs. Eine Verbindung zu Masons „Inside Out“ tut sich auf, da Mason in seinem Werk die Freude darüber äußert, als die Undergroundzeitung EVO in New York The Pink Floyd Sound als interessanteste unter den neuen Bands erwähnt. Miles outet sich nun als Verfasser dieses Artikels.

Der Bogen der Doku spannt sich natürlich über bekannte Ereignisse: „The Piper At The Gates Of Dawn“, die erste große Englandtour und Syds Drogenprobleme, die die Band fast in den Abgrund reißen, die kurze Phase zu fünft und das langsame Zurücklassen Syd Barretts. Die Story wurde schon oft erzählt und ist doch immer wieder spannend. Auch, weil sich bei Barry Miles neue Facetten auftun. Er endet mit „Dark Side Of The Moon“ – dem Schlusspunkt einer Ära. „Lehr- und Wanderjahre“ hätte Goethe das wohl genannt.

Mit dem Release und dem Megaerfolg von „Dark Side Of The Moon“ (das sich geschlagene 740 Wochen in den US-Billboard-Charts hielt) endet die Dokumentation des Buches, während die Geschichte der Band gerade erst richtig beginnt. Doch wer den Hintergrund der Konzeptalben verstehen oder mehr über die Menschen hinter der großen Stadionband der 80er erfahren will, kommt nicht umhin, sich ausführlich mit der Historie zu beschäftigen. „Pink Floyd – Die frühen Jahre“ ist zweifelsohne ein Standardwerk hierzu und gehört in jede ernstzunehmende Sammlung.
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