Bob Dylan: No Direction Home - Sein Leben, seine Musik 1941-1978

Robert Shelton

Veröffentlicht: 07.04.2011 / edel Rockbuch

Von: Thomas Kröll

Bob Dylan: No Direction Home - Sein Leben, seine Musik 1941-1978

Unzählige Autoren haben im Verlaufe der vergangenen fünf Jahrzehnte eine kaum zu überblickende Masse an Sekundärliteratur zur Person Bob Dylans produziert und versucht, dem Mythos dieses Mannes auf die Spur zu kommen. Teilweise haben sie dabei nur zur weiteren Legendenbildung von Robert Allen Zimmerman beigetragen. Unter den Tausenden von Büchern ist Robert Sheltons "No Direction Home" das einzige, an dem Dylan aktiv mitgewirkt hat. Shelton arbeitete rund zwanzig Jahre daran. Deshalb kann es zu Recht auch als das "Opus Magnum" des amerikanischen Musikkritikers und als Klassiker unter den Musikbiografien bezeichnet werden. Robert Shelton gilt darüberhinaus als "Entdecker Bob Dylans", was er selbst aber stets von sich wies. Fakt ist, dass er nach dem Auftritt des damals 20-Jährigen 1961 im legendären New Yorker Gerde`s Folk City Club eine enthusiastische Kritik für die New York Times schrieb, die gemeinhin als Auftakt zu Dylans beispielloser Karriere angesehen wird. Aus ihrer ersten Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft. Robert Shelton starb 1995 im Alter von 69 Jahren in Brighton, England.

Er hat noch miterlebt, wie "No Direction Home" - der Titel bezieht sich auf eine Zeile aus Dylans "Like A Rolling Stone" - 1986 erstmals veröffentlicht und später in viele Sprachen übersetzt wurde. Shelton hielt sein Werk bis zu seinem Tod allerdings für einen unbefriedigenden Kompromiss. Etliche Passagen seines Manuskripts waren der nur halbherzigen Fortführung der Biografie bis 1985 geopfert worden. Ihr eigentlicher Reiz liegt jedoch gerade in der Beschränkung auf die Jahre 1941 bis 1978, in denen Bob Dylan der wurde, der er bis zum heutigen Tag ist. Die nun bei edel anlässlich von Dylans 70. Geburtstag am 24. Mai erscheinende Neuauflage, überarbeitet und herausgegeben von Elizabeth Thomson und Patrick Humphries, trägt diesem Umstand Rechnung. Sie wurde um etwa 20.000 neue Wörter nach Sheltons Manuskript von 1977 ergänzt, gleichzeitig veraltete Abschnitte entfernt. Freunde Dylans` wie Joan Baez, Allen Ginsberg, Pete Yarrow und Suze Rotolo kommen zu Wort, die Diskografie, Bibliografie und ausführliche Chronologie (1979-2011) wurden aktualisiert sowie der Text um ausführliche Anmerkungen erweitert. Macht zusammen satte 688 Seiten.

"Such etwas, was dich wirklich bewegt, und schreibe darüber", hatte Dylan Shelton 1961 geraten und das tat er. Es ist unmöglich im Rahmen dieser Besprechung auf alle Einzelheiten des überaus komplexen Buches einzugehen. Es beginnt mit Dylans Kindheit im provinziellen Hibbing und endet 1978 nach seinen triumphalen Konzerten in London. Dazwischen liegen viele Höhen und Tiefen in Dylans Werdegang, die Robert Shelton, ausgestattet mit profundem Hintergrundwissen, noch einmal lebendig werden lässt. Angefangen beim Studium an der Universität von Minneapolis über Dylans Wandlung vom Folksänger zum Rockstar, der Gründung von "The Band", sein politisches Engagement bis hin zu seinem schweren Motorradunfall am 29. Juli 1966, dem eine siebenjährige Tourpause und der vorläufige Rückzug ins Privatleben folgte. Diese und unglaublich viele weitere Stationen hat Shelton ausführlich dokumentiert, was sein Buch zwar nicht immer leicht zu lesen aber ungemein spannend macht. Herrlich sind auch die typisch kryptischen und vor Ironie triefenden Interviews, die Dylan zu geben pflegt und die auszugsweise abgedruckt sind. Zudem nimmt Shelton jedes seiner Alben Song für Song auseinander. Er versucht zu ergründen, warum sich Bob Dylan stets als Außenseiter fühlte und welche Rolle in diesem Zusammenhang sein jüdischer Hintergrund spielt. Dabei bewahrt er sich immer eine angemessene kritische Distanz zu seinem Freund. Vor allem dadurch verleiht er "No Direction Home" ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit, die Maßstäbe für den seriösen Musikjournalismus setzt und es weit über alle vergleichbaren Bücher erhebt. Zahlreiche Fotos runden diese "Bibel für Dylanologen" ab.

Was jedoch auch Shelton nicht schafft, ist die Widersprüchlichkeit in Dylans Wesen zu entschlüsseln. Seiner Meinung nach benutzt Dylan "seine persönliche Mythologie als Schutzschild, während er um sich herum zahllose andere Mythen zertrümmerte und entweihte". Er kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass Dylan so viele verschiedene Ichs gehabt hat, "dass dies hier keine Biografie über einen, sondern über viele Männer geworden ist". Ohne jeden Zweifel ist Bob Dylan einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Und ebenso unzweifelhaft hat Robert Shelton mit "No Direction Home" ein Meisterwerk erschaffen, das zumindest eine Menge Licht in den bis heute noch oftmals so dunklen Dylan-Tunnel wirft.

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