Marcus Greil
Wer kennt die ersten Worte „How does it feel?“ und den Refrain „Like a complete unknown/ Like a Rolling Stone“ nicht? Jeder, der sich nur annähernd ernsthaft mit Musik beschäftigt hat, wird früher oder später über Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ gestolpert sein. Der Song ist eines der bekanntesten Musikstücke aller Zeiten und Bob Dylan gehört zu den einflussreichsten Musikern der letzten 40 Jahren. Dazu passt es ins Bild, dass mit Greil Marcus nun einer der bedeutendsten Musikkritiker sich dieses Stück Musikgeschichte annimmt und gleich ein ganzes Buch darüber verfasst.
Die Rolling Stones haben sich übrigens nicht nach dem Dylan Song benannt, sondern sich in ihrer Namensfindung vom Rollin’ Stone des Bluessängers Muddy Waters inspirieren lassen (anders wäre der zeitliche Ablauf auch nicht möglich gewesen, aber leider erliegen immer wieder viele diesem Irrtum). Bob Dylan selber hat „ I’m a rolling stoneÂ…“ von Hank Williams’ Lost Highway im Film Don’t Look Back vor sich hin gesungen und nicht zuletzt hat sich die Zeitschrift Rolling Stone 1968 nach dieser ganzen Melange benannt. Es verwundert also nicht weiter, wenn allein im Titel „Like a Rolling Stone“ der Gipfel der Rockmusik gesehen wird.
Man könnte meinen ein ganzes Buch über einen einzigen Song, sei er auch noch so bedeutend, könnte zuviel des Guten sein. Dem Autor jedoch gelingt das Kunststück, den Leser zu fesseln und dabei ist es nicht wichtig ob man Anhänger von Bob Dylan ist, den Song mag oder nicht. Hier wird nicht nur die Entstehung eines Songs beschrieben, sondern die Entwicklung und Veränderung eines Künstlers vom reinen Folksänger hin zu dem Schriftsteller Bob Dylan. Er selber spricht von 20 Manuskriptseiten, die den Anfang des Schriftstellers Dylan markieren sollten, bis die Prosa rhythmischer wurde, zum Rap geriet, der immer in den gleichen boshaften Zeilen mündete: „ How does it feel? / To be on your own / With no direction home / A complete unknown / Like a rolling stone“.
Die Studioband selber wusste seinerzeit noch nicht, an was sie für einem großartigen Stück sie arbeiteten. Bei der Lektüre des Buches hat man teilweise selber den Eindruck, man steht leibhaftig am 1 6. Juni 1965 mit eben dieser Band im Studio in New York wenn die Worte des jungen, kurzfristig von Bob Dylan angeheuerte Bluesgitarrist Mike Bloomfield „He, Moment mal, Leute: die vier Takte vor C, es moll mit Quartvorhalt, es-moll 7, dann ein Takt As mit Vorhalt und dann As Â… okay? So sollte es klingen!“ ertönen. Immerhin im vierten Versuch am zweiten Tag klappt es – 6,34 Minuten pure Energie sind auf Band. „Ich finde, das hört sich gut an“, sagte der schwarze Produzent Tom Wilson.
Die Single ist letztendlich sechs Minuten und sechs Sekunden lang, das Buch danach aber noch lange nicht an seinem Ende angelangt. Der Leser erhält dann einigen Einblick in die damalige Radiowelt und den Kampf, den Song nicht zu kürzen, einen Song der überhaupt nicht in das Formatradio mit Singles von einer Spielzeit von knapp drei Minuten passen wollte. Gepresst wurde natürlich der Track so wie er war und die Plattenfirma einfach ignoriert. Vier Wochen später stürmt Bob Dylan damit die Charts!
Greil Marcus hat mit diesem Buch das Kunststück vollbracht die einmalige Erfolgsgeschichte einen Songs und gleichzeitig die Geschichte einer ganzen Generation einzufangen - und das in mitreißender und sehr lesenswerten Art und Weise. Für „Bob Dylans Like a Rolling Stone – Die Biographie eines Songs“ kann eine absolute Kaufempfehlung ausgesprochen werden und das nicht nur für Dylan Fans, sondern jeder, der sich für die Musik der letzten knapp 40 Jahre interessiert sollte dieses Werk als Pflichtkauf betrachten und das Werk sein eigen nennen.