Christopher Ciccone
Wenn man kleinlich sein möchte, könnte man sich die Frage stellen, warum "Meine Schwester Madonna und ich" von Christopher Ciccone ausgerechnet jetzt veröffentlicht wird. Schließlich sind der "Queen Of Pop" zur Zeit weniger wegen ihrer Musik, als vielmehr aufgrund der gescheiterten Ehe mit Regisseur Guy Ritchie die Schlagzeilen sicher. Nahezu täglich gibt die Klatschpresse neue Wasserstandsmeldungen heraus: Madonna zahlt Ritchie angeblich eine Abfindung von umgerechnet 77 Millionen Euro, von einem Terminkalender in Sachen Sex ist da die Rede oder davon, dass Madonna ohne Ritchie noch ein zweites Kind aus Malawi adoptieren möchte. Wie auch immer, es gibt mit Sicherheit schlechtere Zeitpunkte, um als Bruder Madonnas mit seiner Autobiographie um die Ecke zu kommen. Und so kann ich mich während der gesamten Lektüre auch nicht davon freimachen, Christopher Ciccone der Trittbrettfahrerei zu verdächtigen. Immerhin kletterte das Buch in England und den USA bereits kurz nach Erscheinen auf die vordersten Plätze der Bestsellerlisten.
47 Jahre lang spielte Christopher Ciccone eine wichtige Rolle im Leben seiner Schwester. Bis dieses Buch erschien. Dem Vernehmen nach reden die beiden seitdem nicht mehr miteinander. Kein ungewohnter Zustand. Im Laufe der vergangenen fast fünf Jahrzehnte gab es immer wieder Phasen, in denen sich Ciccone von Madonna ausgenutzt und erniedrigt gefühlt hat. Fünf Jahrzehnte, in denen er für sie als Tänzer, persönlicher Assistent, Designer ihrer Häuser und Wohnungen sowie als Art- und Tour Director arbeitete. Auf 349 prall gefüllten Seiten (hinzu kommt noch ein separater Bildteil) beschreibt Ciccone Madonna so, wie sie selbst eingefleischte Fans noch nicht "kennengelernt" haben dürften. Selbst vor dem Abdruck diverser E-Mail-Kommunikation schreckt er nicht zurück.
"Meine Schwester Madonna und ich" zu lesen, ist eine spannende Aufgabe. Das liegt zum einen natürlich am Inhalt, zum zweiten aber auch am sehr flüssigen Schreibstil. Oberflächlich betrachtet ist das Verhältnis zwischen Madonna und ihrem Bruder durchweg vertrauensvoll, dennoch schimmert mit zunehmender Zeit immer mehr eine Art subtiler Hassliebe durch, auch wenn sich Ciccone durchgängig um möglichst grosse Fairness bemüht (beispielsweise was Madonnas Engagement im Kampf gegen Aids angeht). Insgesamt schildert er die inzwischen 50-jährige als eine von frühester Kindheit an verzogene und verwöhnte Göre. Negative Eigenschaften, die sich mit zunehmendem Erfolg noch potenzieren. Dass Madonnas Garderoben stets in Weiß gehalten sein müssen oder sie ein absoluter Kontrollfreak ist, sind dabei keine wirklichen Neuigkeiten.
Was dieses Buch so interessant werden lässt, sind die vielen anderen Details aus Christopher Ciccones Leben an der Seite von Madonna. Etwa das gespannte Verhältnis zu ihrer Stiefmutter. Oder die unzähligen Beispiele dafür, wie seine Schwester Menschen für ihre eigenen Zwecke benutzt. Auch die sexuellen Präferenzen von Madonna kommen zur Sprache und es wird deutlich, dass letztlich alles nur eine Frage des Images ist. Guy Ritchie bekommt genauso sein Fett weg wie Sean Penn. Madonnas Interesse an Kaballa bezeichnet Ciccone als fast schon krankhafte Obsession. Er räumt mit der Legende auf, wonach Madonna mit nichts mehr als einem Paar Ballettschuhe und 35 Dollar auf dem Times Square gelandet sei und entlarvt ihren Film "In Bed With Madonna" als von vorne bis hinten durchgeplantes Scheinprodukt. Nur ihre Rolle als Mutter lässt er seltsamerweise komplett außen vor. Nebenbei trifft er einen Haufen Prominenter und schnupft Koks mit Jack Nicholson, Courtney Love oder Kate Moss. Nach und nach entwirft er das Bild von Madonna als das einer egozentrischen, gefühlskalten und launischen Diva und sieht sich selbst dabei stets in der Rolle des Opfers.
Auf die Dauer wirkt diese Rolle jedoch ermüdend. Zumal er Madonna jedesmal wieder aufs Neue vergibt und ihr eine weitere Chance einräumt es besser zu machen, was ebenso oft schiefgeht. Auch Ciccones eigener chronischer Geldmangel ist unglaubwürdig, selbst wenn man davon ausgeht, dass er am Ruhm seiner Schwester nur zu einem kleinen Teil finanziell partizipiert hat. So bleibt am Ende ein leicht zwiespältiger Eindruck. Man weiß nicht, ob man Mitleid mit Christopher Ciccone haben oder ihn angesichts seiner Gutgläubigkeit nehmen und mal kräftig durchschütteln soll.
Er zumindest versteht sein Buch als "eine Art innerer Reinigung". Madonna wird das naturgemäß anders sehen. Wem auch immer man nach der Lektüre von "Meine Schwester Madonna und ich" mehr Symphatien entgegenbringt, der eigentliche Gewinner in dieser Frage ist hier eindeutig der neutrale Beobachter, dem Ciccone einen seltenen und größtenteils überraschend schonungslosen Einblick in die Lebenswelt der Pop Ikone und damit ein durchaus auch ein wenig voyeuristisches Lesevergnügen bereitet.