Chronicles Volume One (Hörbuch) - Gelesen von Wolfgang Niedecken

Bob Dylan

Veröffentlicht: 05.11.2004 / Hoffmann und Campe Verlag GmbH

Von: Thomas Kröll

Chronicles Volume One (Hörbuch) - Gelesen von Wolfgang Niedecken

Ich gestehe, dass mir Bob Dylan immer ein wenig suspekt vorgekommen ist. Natürlich hat seine Musik auch in meinem Leben ihre Spuren hinterlassen. „Blowin` in the Wind“, „The Times they are a-changin´”, “Mr. Tambourine Man” oder “Like a Rolling Stone” sind Klassiker, mit denen sich Erinnerungen verbinden. Die Liste ließe sich fortsetzen. Dylan selbst habe ich jedoch immer als mürrisch, grüblerisch und viel zu ernst empfunden. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass „Slow Train Coming“ von 1979 das einzige seiner bisher 28 Alben ist, das ich besitze. Dabei kann man die Bedeutung von Bob Dylan für die Entwicklung des Rock`n Roll gar nicht hoch genug einschätzen.

Entsprechend zwiegespalten, aber gleichzeitig auch erfreut über die Möglichkeit, begann ich mich mit dem vorliegenden Hörbuch zu beschäftigen. „Chronicles Volume One“ wird gesprochen von Wolfgang Niedecken (im amerikanischen Original übrigens von Sean Penn). Als Chef der Kölner Rockband BAP hegt dieser ja bekanntlich eine grosse, wenn auch kritisch-distanzierte Bewunderung für Bob Dylan. Sein 1995 veröffentlichtes Soloalbum „Leopardefell“ ist eine deutliche Hommage an „His Bobness“. Außerdem schrieb Niedecken das Vorwort zu dem Buch „Bob Dylan – Temples in Flames“ von Georg Stein (1989).

Die CD als auch das Buch sind im Hamburger Hoffmann und Campe-Verlag erschienen. Das Hörbuch erstreckt sich über fünf CD`s mit einer Länge von 362 Minuten und kostet 29,90 €. Wer lieber die gebundene Ausgabe im heimischen Regal stehen hat, bezahlt für 304 Seiten ebenso angemessene 22 €. „Volume One“ deshalb, weil „Chronicles“ auf insgesamt drei Bände angelegt ist.

Was beim Hören als erstes auffällt ist, dass sich Wolfgang Niedecken nicht selbst als Hauptdarsteller begreift, sondern denjenigen, dessen Geschichte er erzählt. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Hörbücher, bei denen sich der Sprecher in seinem Ausdruck über den Inhalt erhebt. Niedecken hingegen wählt eine angenehm gleichbleibend und ruhige Stimmlage, die nicht ablenkt. Man merkt, dass es eine Ehre für ihn gewesen sein muss, dieses Hörbuch aufzunehmen. Er wahrt mit jedem Wort eine respektvolle Distanz. Fast so, als wäre er gespannt was als nächstes kommt. Dabei unterstelle ich mal, dass gerade er die Dylan-Biographie in- und auswendig kennen dürfte.

Bob Dylan wurde als Robert Allen Zimmermann am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota geboren. Ende der Fünfziger Jahre nahm er den Künstlernamen Bob Dylan an. Manche behaupten, aus Wertschätzung für den walisischen Dichter Dylan Thomas, doch bestätigt wurde diese Vermutung bisher nie. 1961 unterschrieb er seinen ersten Plattenvertrag bei Columbia Records. Der Rest ist eine Mischung aus Mythos und bekannt legendärer Musikgeschichte.

Oder auch nicht. In „Chronicles“ erfährt man einiges über Dylan`s Kindheit. Die Sprache dabei ist ebenso rau und authentisch wie das Leben in jenem „alten“ Amerika, das wir gleichsetzen mit Blue Jeans, Coca-Cola und Elvis. Wir begleiten Dylan durch verrauchte und heruntergekommene New Yorker Folkclubs, in denen Anfang der Sechziger Jahre seine Karriere begann. Dabei treffen wir Heerscharen bekannter Musiker oder erleben Dylan`s Versuch, sich 1968 aus dem Business zurückzuziehen. Der Rummel um seine Person droht ihn und seine Familie zu zerstören. 1987 denkt er gar daran, völlig mit der Musik aufzuhören.

Dabei ist es gerade die Musik, die Dylan mit einer solchen Leidenschaft und Hingabe beschreibt, dass es fast weh tut. All dies schildert er unglaublich detailgetreu und versetzt den Hörer damit förmlich in eine andere Zeit. Auch seine Charakterdarstellungen sind mit so feiner Sprache gezeichnet, dass man das Gefühl bekommt, die auftretenden Personen schon seit Jahren zu kennen. Chronologisch geordnet sind die „Chronicles“, entgegen ihrem Titel, zwar nicht, aber ungemein spannend und interessant. Ob sie auch für „Dylanologen“ noch Unbekanntes zu bieten haben kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls enthalten sie eine Menge Anekdoten und Geschichten, die sich hier unmöglich alle auch nur andeuten ließen.

Im Herbst wird Wolfgang Niedecken auch wieder live lesen. „Niedecken liest und singt Bob Dylan“ heisst das Programm, in dem er nicht „nur“ Passagen aus den „Chronicles“ rezitiert, sondern auch ausgewählte Dylan-Songs spielt. Sobald neue Termine feststehen, werden wir sie an dieser Stelle bekannt geben!

Derweil lege ich euch dieses Hörbuch wirklich ans Herz. Am besten, ihr packt es zusammen mit einer Decke auf`s Fahrrad, radelt raus auf die grüne Wiese, legt euch in die Sonne (sofern sie wieder scheint) und schließt die Augen. Dann lasst ihr euch von Bob Dylan auf einen Trip in seine Vergangenheit mitnehmen.

Für mich jedenfalls sind dabei ein paar der sieben Siegel, die Bob Dylan stets trug, gebrochen worden. Ich verstehe ihn nun besser. Für Wolfgang Niedecken ist Dylan „der Einstein der Musik“. So weit bin ich zwar noch nicht, aber ich fange langsam an ihn zu mögen.

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