Bruce Springsteen

Dave Marsh

Veröffentlicht: 14.09.2009 / Rockbuch Verlag Buhmann & Haeseler GmbH

Von: Thomas Kröll

Bruce Springsteen

Bruce Springsteens Bühnenauftritte sind legendär. Kaum ein Konzert dauert weniger als drei oder gar vier Stunden und seit mehr als 40 Jahren gilt der "Boss" nun schon als präziser Chronist und kritischer Beobachter des US-amerikanischen Alltags. Nicht umsonst zählt "Live 1975-1985" zu den grossartigsten Live-Alben die ich kenne. In der ersten von Springsteen autorisierten Bildbiografie "Bruce Springsteen" - die kurz vor seinem 60. Geburtstag am 23. September 2009 bei Rockbuch/edel erscheint - fängt Dave Marsh diese Dynamik auf kongeniale Weise ein. Marsh ist einer der bekanntesten Rockkritiker in den USA. Er arbeitete fünf Jahre lang für den "Rolling Stone", verfasste u.a. die beiden offiziellen Springsteen-Biografien "Born To Run" (1979) und "Glory Days" von 1987 (die 2003 aktualisiert und in "Two Hearts" zusammengefasst wurden) und war Mitbegründer des "Creem"-Magazins. Heute arbeitet Marsh als Moderator einer Musik-Talkshow und lebt in Norwalk, Connecticut.

Was zunächst ins Auge fällt, ist die sehr liebevolle Aufmachung des Buches: Gebunden in Halbleinen mit Veredelung, durchgehend 4-farbig und im Format 28 x 28 cm. Auf 324 Seiten erzählt Marsh viel von seinen persönlichen Erlebnissen mit dem Menschen Bruce Springsteen und dessen Musik, er schreibt also aus der Sicht eines Fans: "Ich kann die Menge derer, die mir gesagt haben, dass die Musik dieses Mannes ihr Leben verändert hat, nicht mehr beziffern, aber ich weiß, wo ich mit dem Zählen anfangen muss: bei mir". Seine Herangehensweise an das Phänomen Bruce Springsteen ist von grosser Zuneigung und ebenso grossem Respekt geprägt und er beschreibt Rock`n Roll (frei nach Pete Townshend) als etwas "das zwar deine Probleme nicht löst, dich aber über sie hinwegtanzen lässt". Oder in Bezug auf Bruce Springsteen: "Er sah im Rock`n Roll immer eine Möglichkeit, die Welt so zu beschreiben, wie sie ist, eine Möglichkeit, angesichts von Katastrophen zu tanzen, um sich von Schmerz zu befreien, in dem Glauben, dass man durchrocken kann, bis alle Probleme von einem abfallen, zumindest für einen Moment". Eine Ansicht, der ich mich persönlich uneingeschränkt anschließen kann.

Allerdings ist "Bruce Springsteen" keine typische Künstlerbiografie. Marsh würdigt Springsteen zwar als zutiefst moralischen Menschen, sein politisches und humanitäres Engagement (z.B. während der Vote For Change-Tour 2004), legt seinen Fokus aber ansonsten stark auf die Live-Shows, sei es zusammen mit der E Street Band oder solo etwa im Rahmen der "Ghost Of Tom Joad"-Tour. In seinen Texten analysiert er beispielsweise die Entwicklung der Songs von der Studioversion zur Bühnen-Präsentation, Springsteens vorsichtige Annäherung an Stadionkonzerte, aber auch sein von der Öffentlichkeit unbemerktes Engagement für die Hinterbliebenen des 11. September 2001. Davon abgesehen bleibt die private Seite Springsteens jedoch außen vor. Die Konflikte mit seinem Vater, der Rechtsstreit mit Ex-Manager Mike Appel oder die Heirat mit Patti Scialfa werden nur am Rande gestreift, wohingegen die Trennung von der E Street Band und deren spätere Reunion breiten Raum einnehmen. Marsh hat zudem viele von Springsteens Ansagen dokumentiert, die eine Menge über dessen Denkweise verraten. So entsteht das Bild eines symphatischen Künstlers, der weit über den Tellerrand seiner musikalischen Welt hinausblickt und trotz des Status als Rock-Mythos nie vergessen hat wo er herkommt. Dies beweist auch die Episode vom 29. Juni 2005, als Bruce Springsteen während eines Tankstopps seines Privatjets auf dem Heimflug von seiner Europatournee in Keflavik (Island) aus dem Flugzeug steigt und ein sechs Songs umfassendes Miniset für die wenigen anwesenden Mitarbeiter des Bodenpersonals im Flughafenterminal spielt.

Abgerundet wird das Buch durch seltene Tourmemorabilia, gesammelt und zusammengestellt von Sandra Choron, die über zwei Jahrzehnte lang als Art Directorin und Archivarin für Springsteen tätig war, zahlreiche eindrucksvolle Live-Fotos solch bekannter Rock-Fotografen wie Anton Corbijn, Annie Leibovitz oder Neal Preston sowie durch eine Zeitleiste mit den wichtigsten Stationen in Bruce Springsteens Musikerleben. Angefangen beim allerersten Auftritt im August 1965 mit den Castiles in New Yersey, über Bands wie Earth, Child, Steel Mill (mit dem späteren E Street-Gitarristen Steven Van Zandt) oder - besonders strange - Dr. Zoom And The Sonic Boom, den ersten Plattenvertrag bei Columbia Records, die Entstehung der E Street Band bis hinein ins Jahr 2005.

Ich habe in den vergangenen Jahren einiges an Musiker-Biografien gelesen, aber "Bruce Springsteen" von Dave Marsh steht in meiner persönlichen Bestseller-Liste ganz weit oben. Ein opulentes Buch, das jeden Cent seines Preises von 49,95 EUR in vollem Umfang rechtfertigt. Marsh hat Springsteen damit ein beeindruckendes Denkmal gesetzt: "Bruce Springsteen ist kein Substantiv. Sondern ein Verb. (...) In erster Linie bedeutet es: träumen, leben, den Traum leben". Happy Birthday, Bruce Frederick Joseph!    

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