Der Strassenchor

Peter Eichelmann

Veröffentlicht: 29.11.2009 / vive! verlag

Von: Andreas Weist

Der Strassenchor

Dieses Buch ist kein gewöhnliches Buch, denn es widmet sich einem ungewöhnlichen Thema, das eigentlich nur zu erklären ist, wenn man die entsprechende Fernsehsendung kennt. Allerdings taucht der recht neue Dokusender ZDFneo nur in wenigen Fernsehzeitungen auf und auch der Videotext ist mit (sagen wir mal) recht spärlichen Infos versehen. Also kommt man fast nur durch Zufall in den Genuss einer so spannenden Doku, wie "Der Strassenchor" sie in meinen Augen darstellt.

Zum Inhalt: Chorleiter Stefan Schmidt hat sich in den Kopf gesetzt, in Berlin einen Chor von der Straße zu gründen – im wahrsten Sinne des Wortes: einen Chor aus Obdachlosen, Hartz IV-Empfängern und sozial Engagierten. Allein von der Population sollte dies eine Zusammenstellung sein, die nicht unproblematisch ist. ZDFneo hat sich in Zusammenarbeit mit der Treberhilfe Berlin der Idee angenommen und eine mehrteilige Dokuserie zum Thema gedreht. "Soap" muss man heutzutage wohl sagen. Doch das Ergebnis ist angenehm unsensationell. Hier werden keine Menschen vorgeführt, der Lächerlichkeit preisgegeben oder zu Stars hochstilisiert, um sie in der nächsten Minute wieder fallen zu lassen. Stattdessen geht es um die Persönlichkeiten und darum, was die Musik aus ihnen macht.

Das Buch zum Projekt ist nun ein wundervoller Bildband des Fotografen Peter Eichelmann. Er hat es verstanden, die Chormitglieder in schönen Schwarz-weiß-Portraits einzufangen und sie als Charakterstudien zu zeigen. Das sind oft bedrückende Bilder, die aber stets den Kern der Wertschätzung für den Menschen in sich tragen, was deutlich zu spüren ist. Ergänzt werden die Einzelfotos durch Fotoserien aus dem Umfeld der Protagonisten und natürlich von den Chorproben. Die Hintergrundinfos bleiben bewusst sehr spärlich. Name, Alter, Funktion im Chor – eventuell ein Stichwort zum sozialen Hintergrund. Leider gibt es auch kaum Hintergrundinfos zum Projekt. Wer im Buchhandel auf den Bildband trifft, und sonst nichts davon weiß, wird sich nur schwerlich vorstellen können, worum es eigentlich geht. Ein Klappentext und eine erklärende Seite im Buch sind mir da entschieden zu wenig. Schön allerdings die eingestreuten Kommentare der Beteiligten, die einen authentischen Einblick in den Wert des Projekts für den Einzelnen geben.

CD und Buch sieht man am besten als untrennbare Einheit. Im CD-Booklet fehlt mir genau die Darstellung der beteiligten Menschen, die nun das Begleitbuch in Fülle liefert. Andererseits will man hören, was die dargestellten Personen zustande gebracht haben – und wer kein Konzert des Chores besucht hat, kann den erstaunlichen Erfolg der doch recht kurzen Probearbeit auf dem Silberling (HIER eine Review) bestaunen.

Das Ergebnis des Engagements der Wenigen, die sich für dieses Projekt hergegeben haben, ist umwerfend und zeigt eindrucksvoll, wie man die soziale Problematik angehen kann, ohne die Protagonisten an den Pranger zu stellen oder zu Abziehbildern ihrer selbst zu machen. Stattdessen werden sie als Persönlichkeiten dargestellt und mit einer Geschichte und einer Entwicklung versehen. Stefan Schmidt hat den Chor zu einer Einheit geformt, in der der Einzelne sich für die Gesamtheit zurücknehmen und doch seinen wichtigen Beitrag leisten kann. CD und Buch als bleibende Erinnerungsstücke legen für die Zukunft Zeugnis davon ab. Noch schöner wäre es, wenn der Chor noch lange Bestand hat und man vielleicht mal ein Konzert in der näheren Umgebung besuchen kann.

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