Yoko Ono
Es wird wohl leider niemand mit dem dafür maßgeblichen Einfluß auf die späte Idee kommen, das Jahr 2005 zum „John Lennon-Jahr“ auszurufen. Angemessen wäre es allemal, gedenkt doch nicht nur die Musikwelt in diesem Jahr gleich zweimal dem außergewöhnlichen Musiker und Menschen John Lennon. Am 9. Oktober hätte er seinen 65. Geburtstag gefeiert, wenn sein Leben nicht vor nunmehr 25 Jahren, am 8. Dezember 1980, ein trauriges und für viele bis heute nicht nachvollziehbares Ende gefunden hätte. An diesem Tag wurde Lennon in New York von einem geistig verwirrten Fan erschossen.
Immerhin wird er (wie auch die Beatles) zu diesen Anlässen mit einer Reihe erstklassiger Buchveröffentlichungen geehrt. Wir haben bereits einige davon hier vorgestellt: „John Lennon – Die Jahre in New York“ (Bob Gruen), Ringo Starr`s „Postcards from the boys“ oder „Die Beatles in Indien“ von Paul Saltzmann (wenn ihr die einzelnen Titel anklickt, gelangt ihr zu den entsprechenden Reviews). „Erinnerungen an John Lennon“ reiht sich nahtlos in die hohe Qualität dieser aktuellen Retrospektive ein. Als Herausgeberin fungiert dabei niemand geringeres als Yoko Ono.
Über die kritischen und teilweise diffamierenden Kommentare zur Rolle von Yoko Ono in Lennon`s Leben kann spätestens nach der Lektüre der oben genannten Werke herzhaft gelacht werden. Da sie jedoch alle Rechte an seinem künstlerischen Erbe besitzt, sieht sie sich ständig mit dem Vorwurf der Ausbeutung konfrontiert. Zumal John Lennon im vergangenen Jahr posthum immer noch etwa 22 Millionen Dollar verdiente und damit auf einer „Liste der verstorbenen Spitzenverdiener“ des amerikanischen „Forbes“-Magazines den 3. Platz belegte. Vor Lennon rangieren „Peanuts-Erfinder“ Charles M. Schulz (35 Mio.) und Elvis Presley (45 Mio.). Wer aber wirft eigentlich Robert Sillerman, US-Medienunternehmer und Hauptanteilseigner der „Elvis Presley Enterprises“, Ausbeutung vor? Ich halte mich da lieber an den Fotografen Harry Benson, der die Beatles 1964 auf ihrer ersten US-Tournee begleitete: „Jahre später traf ich Yoko Ono. Ich hatte viele Geschichten über sie gehört, doch nachdem ich sie kennen gelernt hatte, war es sehr einfach zu sehen, warum John sie geliebt hat. Als intelligente, witzige, scharfsinnige Frau mit guten Manieren war sie meiner Meinung nach das Spiegelbild Johns bester Eigenschaften“. Soviel zu diesem Thema!
Kommen wir zum Buch. Auf 276 Seiten teilen uns hier insgesamt 73 Zeitzeugen, Wegbegleiter, Freunde und (prominente) Fans ihre Erinnerungen an John Lennon mit. In sehr persönlichen und teilweise exklusiven Texten, Gedichten, Briefen oder Zeichnungen erzählen sie davon, wie John Lennon ihr Leben verändert hat oder noch immer verändert und was sein Tod für sie bedeutete. Auch wenn viele von ihnen ihm nie persönlich begegnet sind. „Sie“ das sind zum Beispiel Ray Charles, Peter Gabriel, Mick Jagger, Elton John, David Geffen, Dennis Hopper, Iggy Pop oder Pete Townshend, um nur einige wenige zu nennen. Dazu kommen etwa 20 Fotos, darunter Kinderfotos von Lennon oder frühe Fotos der Beatles von Harry Goodwin. Die Fotografin Annie Leibovitz zeigt sogar erstmals alle Bilder ihrer letzten, historischen Fotosession mit Yoko Ono und John Lennon, wenige Stunden vor dessen Ermordung. Der Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlag (www.schwarzkopf-schwarzkopf.de) aus Berlin hat all dies als Hardcover (im Schutzumschlag) verewigt und begeistert einmal mehr mit dem erschwinglichen Preis von 19.90 €.
Mich persönlich haben dabei, neben dem Vorwort von Yoko Ono, vor allem die Beiträge von Ray Charles („Es ist einfacher, sich in diesem Land eine Pistole zu besorgen als einen Führerschein“), Joan Baez (die einen handgeschriebenen Brief beigesteuert hat) und Peter Brown, dem Ex-Manager der Beatles und Trauzeugen von Lennon & Ono, bewegt. Aber in besonderem Maße die beiden Kapitel von Jello Biafra (Ex-Frontmann der Dead Kennedys) und der Songwriterin Julie Gold. Damit sollen die übrigen 71 jedoch nicht abgewertet werden. Dass gerade diese beiden beim Lesen eine Menge an Emotionen auslösen mag daran liegen, dass sie, wie die überwiegende Mehrzahl von uns, John Lennon nie kennengelernt und trotzdem eine tiefgreifende Verbundenheit mit ihm spüren.
Jede einzelne Facette dieser einzigartigen Hommage aufzuzählen würde hier zu weit führen. So finden sich unter anderem noch Berichte von Tom Hayden oder Jon Wiener über die Zeit, als John Lennon von FBI und MI5 überwacht wurde. Die Memos von 1972/73 sprechen dabei vom „Subjekt Lennon“. Dazu kommen abgedruckte Zeitungsberichte, Zeichnungen (etwa von Klaus Voormann oder Bono von U2), ein „Liebesbrief von John und Yoko an die Menschen, die uns nach dem Was, Wann und Warum fragen“ (Mai 1979), nebenbei wird uns der „Sackismus“ erklärt und eine Fülle weiterer Geschichten. Lest es einfach selbst! „Erinnerungen an John Lennon“ ist viel mehr als das! Es lässt eine Legende wieder lebendig werden! Und welches Buch kann das heutzutage schon von sich behaupten?
„Dieses Buch ist ein Geschenk von mir an John, der nach seiner Trennung von den Beatles nicht ahnte, wie viele fürsorgliche und treue Freunde er hatte, die eine so hohe Meinung von ihm hatten. (...) Wir sind dir alle dankbar, dass du hier unter uns gewesen bist. Einen grossen Kuss, Yoko".