Nirvana - Die wahre Geschichte

Everett True

Veröffentlicht: 17.09.2008 / Hannibal-Verlag

Von: Thomas Kröll

Nirvana - Die wahre Geschichte

Ich weiß noch genau, wie es war, als wir 1991 zum ersten Mal "Nevermind" hörten. Irgendjemand brachte die CD zu einer Party mit. Ja, ich erinnere mich sogar, wie es in dem Raum aussah und wie es dort roch. Nirvana waren für uns Kids der Achtziger eine Offenbarung. Hey, vorher hatten wir solche Leute wie Boy George, Duran Duran, Alphaville, Mike Oldfield oder Shakin` Stevens ertragen müssen. Jetzt entdeckten wir eine völlig neue Welt, Bands wie TAD, Skin Yard, Green River und Mother Love Bone und in deren Gefolge Dinosaur Jr., die Pixies, Afghan Whigs oder Sebadoh. Im Fernsehen lief den ganzen Tag nur MTV (jawohl, damals lief da tatsächlich noch Musik und keine Dauerwerbeschleife für Klingeltöne) und wir gingen auf die Konzerte von Mudhoney, Screaming Trees, Alice In Chains, Soundgarden oder Pearl Jam. Ich hatte bereits Karten für das Nirvana-Konzert 1994 in der Kölner Sporthalle in der Tasche, als Kurt Cobain beschloß sich eine Kugel in den Kopf zu jagen. Ich wünsche jedem, dass er einmal im Leben eine solche musikalische Revolution hautnah miterlebt.

Alle, die damals dabei waren, als der sogenannte "Grunge" unser Leben für immer veränderte, dürften Everett True für dieses Buch dankbar sein. Denn "Nirvana - Die wahre Geschichte" ist viel mehr als "nur" die Geschichte von Kurt Cobain, Krist Novoselic und Dave Grohl, es setzt die Explosion, die Nirvana auslösten in einen weitaus grösseren Zusammenhang. True arbeitete beim Melody Maker, schrieb schon Biografien über die Ramones, White Stripes oder (ganz aktuell) Sonic Youth und ist Herausgeber zweier Musikmagazine. Vor allem aber war er 1989 einer der ersten, der über die Musikszene von Seattle berichtete. Er stellte Kurt Cobain und Courtney Love einander vor (1991 bei einem Konzert der Butthole Surfers in Los Angeles), trat bei verschiedenen Konzerten zusammen mit Nirvana auf und er war es auch, der Kurt Cobain beim Reading Festival 1992 in einem Rollstuhl auf die Bühne schob. Wann immer ich irgendwo saß und in seinem 677 Seiten fetten Wälzer las (was seine Zeit braucht), fragte jemand: "Ist das die Bibel?" - "Jawohl, ist sie", war meine Antwort. Eine "Grunge-Bibel". Der Begriff, mit dem die Musik aus Seattle zum Geschäft wurde. Jede Schulband, die nicht bei Drei auf den Bäumen war, bekam Anfang der 90er einen Plattenvertrag unter die Nase gehalten. Es gab sogar "Grunge-Wear". Dabei kamen Nirvana ursprünglich gar nicht aus Seattle, sondern aus Aberdeen/Washington.

Wo soll man anfangen, ein Buch zu besprechen, das so unglaublich ins Detail geht wie dieses? Das beginnt bereits mit einer, auch stilistisch, beeindruckenden Einleitung, in der Everett True den Leser immer wieder direkt anspricht. Es ist definitiv keine Gute-Nacht-Lektüre. Man muss sich höllisch konzentrieren, angesichts der Fülle an Namen und Informationen, die True hier ausbreitet. Da er bis zum bitteren Ende einer der wenigen handverlesenen Menschen war, die freien Zugang zum innersten Zirkel der Band hatten, darf man getrost davon ausgehen, dass seine Erinnerungen der Wahrheit entsprechen. Erinnerungen, die oftmals schockierend und schonungslos sind, auch was seine eigene Person betrifft. Everett True stand quasi im Auge des Hurrikans.

In "Nirvana - Die wahre Geschichte" zeichnet er Soziogramme der Bandmitglieder sowie diverser Musikerkollegen und Freunde. Er entwirft zahllose Querverweise auf andere Bands. Darunter bekannte wie die Melvins oder Sonic Youth, aber auch unbekannte wie die TV Personalities, die damals wie heute wohl nur absoluten Insidern bekannt sein dürften. True beschreibt die Anfänge von Nirvana, ihre ersten Aufnahmesessions, die ersten (durchweg misslungenen) Konzerte und Tourneen (für 50 Dollar und einen Kasten Bier) bis zu ihrem letzten Auftritt am 1. März 1994 in München. Er stellt die zu dieser Zeit angesagten Labels Sub Pop oder SST vor. Die Entstehungsgeschichte von "Nevermind" (und seines berühmten Coverfotos) fehlt ebensowenig wie die der darauffolgenden Alben "Incesticide" (1992) und "In Utero" (1993). Er schildert sein erstes Treffen mit Nirvana 1989, das auf beiden Seiten keinen allzu grossen Eindruck hinterließ oder die anfänglich ständigen Besetzungswechsel am Schlagzeug. Dazwischen gibt es immer wieder Interviewsequenzen. Von Butch Vig über Jack Endino bis hin zu Earnie Bailey, dem Gitarrentechniker von Nirvana. Und natürlich mit den Bandmitgliedern inklusive des Teilzeitgitarristen Pat Smear. Darunter befindet sich auch ein seitenlanges Interview mit Kurt Cobain und Courtney Love (die True irgendwann nur noch ironisch als "Kurtney" bezeichnet), das tiefe Einblicke in den Drogenmissbrauch der beiden und die damit einhergehende Paranoia bietet. Cobain und Love sind so etwas wie die Hauptdarsteller dieses Prachtwerkes. Die Rolle und Persönlichkeit von Courtney Love und ihr Einfluss auf Kurt Cobain und das Bandgefüge, sowie dessen extreme Probleme mit dem zunehmenden Ruhm werden von True sensibel ausgeleuchtet. Und das sind nur einige der Handlungsstränge, die er in seinem Buch miteinander verknüpft.

Fast nebenbei räumt der Autor mit einigen Mythen und Legenden auf, z.B. der, dass Kurt Cobain an Narkolepsie litt (dafür aber an lebenslangen Magenschmerzen). Auch die ansonsten allseits gefeierte MTV Unplugged-Aufnahme vom November 1993 bekommt eine gehörige Portion Fett weg. Der bewegendste Moment ist aber sicherlich die Schilderung der unmittelbaren Umstände, die zu Cobain`s Tod im April 1994 führten und was in der Zeit danach (bis zum Januar 2005) geschah. Seltsamerweise empfindet man am Ende eine Art tröstliches Verständnis für seinen Selbstmord. Abgerundet wird das Ganze durch vier separate Bildteile, eine ausführliche Diskographie im Anhang und zahlreiche erläuternde Fußnoten am Ende jeden Kapitels.

Ohne Übertreibung kann man "Nirvana - Die wahre Geschichte" als ein erstklassiges Buch bezeichnen. Es darf ab heute nicht nur als Referenzwerk in Sachen Nirvana, sondern auch in Bezug auf "Grunge" im allgemeinen gelten. Beides Phänomene, die durch ihre übergrosse Abnutzung entwertet wurden. Nur dass er Pearl Jam als eine "Emo-Metal-Band" bezeichnet, nehme ich Everett True etwas übel... Ansonsten aber ziehe ich meinen Hut vor dieser ehrlichen, spannenden und mit viel Herzblut geschriebenen Neubewertung einer Band, die hier zwar nicht zum einzigen, aber wohl zum bisher ersten Mal so porträtiert wird wie sie wirklich war!  

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