Guildo Horn
Als ich zum ersten Mal von Guildo Horn hörte, war ich Anfang der 90er Zivi bei der Lebenshilfe Trier. Ich wusste schon, dass da ein neues Phänomen durch meine Heimat geisterte – ein Phänomen, das mit deutschem Schlager zu tun hatte und mit einer begeisterten, meist recht jugendlichen Anhängerschaft. Wie das allerdings zusammen gehen sollte, war mir ein Rätsel. Dann plötzlich die Aussage eines meiner geistig behinderten Schützlinge im Behindertenwohnheim: „Heute Abend ist Guildo im Fernsehen.“ Woher kennst du Guildo? „Der heißt in Wirklichkeit Horst Köhler und ist Musiklehrer bei uns in der Werkstatt.“ Mein Interesse war geweckt und alle schauten zusammen „Schreinemakers live“ auf SAT 1.
Und da saß er nun, der „Meister“. Ich lag fast vor Lachen auf dem Boden, als klar wurde, wie er die gute Margarethe auf den Arm zu nehmen gedachte. Er antwortete nicht auf ihre Fragen, sondern flüsterte seinem Manager die Antworten ins Ohr, der sie brav weitergab. Auf die Frage, warum er nicht selbst antwortet, kam postwendend die Klarstellung: „Frau Schreinemakers ist meiner Worte nicht würdig. Ich bin die Reinkarnation von Roy Black.“ Roy Black ist in Guildo Horn wiedergeboren? „Ja. Er erschien mir – ganz in weiß, mit einem Blumenstrauß in der Hand.“ Ich habe eine Moderatorin noch nie so sprachlos gesehen.
Der musikalische Aufstieg von Guildo wurde von einem Dauerengagement im Kölner Luxor begleitet und gipfelte in der Grand-Prix-Teilnahme mit „Guildo hat euch lieb“. Ich weiß nicht, wie oft ich den Guten inzwischen live gesehen habe. Das mag mancher belächeln, aber es ist schon genial, wie Guildo die Schlager interpretiert und oft in überraschenden Wendungen zu Rocksongs mutieren lässt. Die Stimmung bei den Trierer Konzerten ist selbstredend stets gigantisch.
Doch immer gab es auch die andere Seite des Horst Köhler, die mir fast noch mehr imponiert und die ich zu schätzen weiß, da ich ebenfalls mit geistig behinderten Menschen arbeite: Guildos Engagement für die Lebenshilfe, das er mit seinem wachsenden Bekanntheitsgrad zunächst aufgeben musste, das aber schließlich in Zusammenarbeit mit Frank Elstner zur Talkshow „Guildo und seine Gäste“ führte. Eine Talkshow, in der sich Guildo auf Augenhöhe mit den behinderten Gästen unterhält, ihre Ideen und Sorgen, die alltägliche Freude und die Probleme erforscht. Seine Natürlichkeit sowie der lockere und dennoch respektvolle Umgang sind bewundernswert.
In der Biographie erzählt Guildo seinen Werdegang beginnend mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr bei der Lebenshilfe in den 80ern. Der musikalische Aspekt spielt zwar eine Rolle, aber bei weitem nicht die Hauptrolle. Es geht vielmehr um die Selbstfindung, die Berufswahl, die Liebe zur Musik, wechselnde Partnerschaften und das besondere Verhältnis zu den behinderten Menschen. Das liest sich sehr unterhaltsam, da der Autor Horn drauf los redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. Da stellt sich auch mal die Frage, ob es in Ordnung ist, wenn man den behinderten X nicht leiden kann, von Y ständig genervt ist und Z auf gewisse Weise attraktiv findet. In diesem Kontext ist es sicher in Ordnung, denn es gelingt Guildo wie kaum einem anderen, die These „Es ist normal, verschieden zu ein“ zu bestätigen.
Der Kontakt zu den Behinderten bleibt immer bestehen. Und mit der Fernsehsendung schließt sich der Kreis. Auch musikalisch zeigt Guildo viel mehr Facetten als den reinen Schlagerbereich. Ich durfte ihn in der Operette „Orpheus in der Unterwelt“ erleben und im Musical „Paradise Of Pain“ – und jedes Mal glänzte der Meister durch stimmliche Brillanz und schauspielerische Fähigkeiten. Jetzt hat er mich auch als Autor überzeugt und ein feines Lesevergnügen beschert. Dieses Buch möchte ich jedem ans Herz legen. Und ich versichere euch: Ihr werdet sowohl Guildo mit anderen Augen sehen, als auch den Menschen mit geistiger Behinderung, dem ihr auf der Straße begegnet.