Wer einmal tief im Keller saß: Erinnerungen eines Rebellen

Gunter Gabriel / Oliver Flesch

Veröffentlicht: 15.10.2009 / edel Rockbuch

Von: Andreas Weist

Wer einmal tief im Keller saß: Erinnerungen eines Rebellen

Die Autobiographie des Countrysängers und Schlagerbarden aus Westfalen trägt den Titel "Wer einmal tief im Keller saß". Das sagt viel aus über die Höhen und Tiefen der Karriere Gunter Gabriels. Er war es, der den deutschsprachigen Schlager im Countrystil etablierte und unzählige Hits für Juliane Werding, Peter Alexander und die Zillertaler Schürzenjäger schrieb, gleichzeitig aber in den 80ern vor dem wirtschaftlichen Ruin stand und künstlerisch erfolglos blieb.

Trotzdem ließ sich der inzwischen 67jährige nicht unterkriegen und legte regelmäßig gefällige Longplayer wie "Straßenhund", "Gunterwegs" und "Das ist meine Art" vor. Einen großen Wunsch erfüllte er sich in der Zusammenarbeit mit Johnny Cashs Sohn John Carter, der für ihn ein Album mit Cash-Songs in deutscher Sprache produzierte ("Gabriel singt Cash – Das Tennessee-Projekt", 2003). Dass Gabriel sich als eine Art deutscher Johnny Cash sieht, verdeutlicht auch der Untertitel des aktuellen Albums "Sohn aus dem Volk", wo er in Anlehnung an Cashs "American Recordings" sein eigenes Spätwerk mit "German Recordings" benennt.

Das 2009er Album ist so gut und zeugt von solcher überraschender Qualität, dass es erneut deutlich wird, welches Stehaufmännchen in Gunter Gabriel steckt. Auf der einen Seite war er bei vielen Menschen (vor allem der professionellen Musikszene und den Medien) unten durch und galt als "erledigt", auf der anderen Seite gab und gibt er kultige Konzerte in Szenekneipen und wurde zu einer Art Integrationsfigur für die Punkszene. Trotz aller Widrigkeiten und Rückschläge hat er sich nie unterkriegen lassen und kann jetzt einem Dieter Bohlen entgegenrufen, dass er um nichts in der Welt mit ihm tauschen wolle.

Wenn Gunter Gabriel ins Erzählen kommt, sprudelt es wie ein Wasserfall. Er hält sich nicht an eine chronologische Reihenfolge, sondern schlendert von Anekdote zu Anekdote, macht neugierig auf das, was noch kommt, und reichert seine Geschichten immer wieder mit biographischen Einsprengseln an. Es macht ungeheuren Spaß, ihm zu folgen, und ich tat mich mehrfach schwer, das Buch abends ob müder Augen aus den Händen zu legen. Die vermeintlich traurige Gestalt – die uns die Boulevardpresse so schamlos vor Augen führen will – wird plötzlich mit Leben gefüllt. Klar kann man nicht jede Entscheidung eines Gunter Gabriel nachvollziehen, auch wenn er sie zu erklären versucht, doch es wird deutlich, dass er sich nie verbiegen ließ und immer seine eigenen Wege gehen wollte.

Trotz des häufig fehlenden roten Fadens kann ich mir nicht vorstellen, wie er seine Geschichte anschaulicher hätte erzählen sollen. Eigentlich sollte man Mitleid mit ihm haben, wenn er von den Misshandlungen seiner Jugend erzählt, von zerstörten Hoffnungen, vom Alkohol und den Problemen mit dem weiblichen Geschlecht. Doch die authentischen Aussagen helfen, ihn zu verstehen, und seinem Ideal zu folgen. Ohne die Vorgeschichte hätte es solche geniale Alben wie "Gabriel singt Cash" und "Sohn aus dem Volk" nie geben können.

Dabei war ich zuvor nie ein Fan seiner Musik, könnte außer den Hitparaden-Schlagern der frühen Zeit keine Songs von ihm nennen. Doch die Autobiographie, die er unterstützt von Journalist und Freund Oliver Flesch schrieb, habe ich verschlungen.  Es ist vielmehr als ein Exkurs in die deutsche Schlager- und Countryszene. Es sind die gesammelten Lebenserfahrungen eines außergewöhnlichen Menschen, der viel zu sagen hat. Meine Empfehlung!

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