Hanspeter Künzler
Durch einen unglücklichen Zufall ist Hanspeter Künzler über Nacht quasi zum Bestsellerautor geworden. Die Biographie des Musikjournalisten sollte ursprünglich parallel zum Comeback in der O2-Arena erscheinen. Der unerwartete Tod des King of Pop machte sie kurzerhand zum aktuellsten biographischen Werk über den verstorbenen Michael Jackson. Die Aktualisierung des Vorworts und des Abschlusskapitels waren dabei sicher nur Formsache.
Künzler lebt seit gut dreißig Jahren in London und arbeitet neben den Zeitschriften Musik Express und Sounds auch für die Neue Zürcher Zeitung. Besonders die Entwicklung der schwarzen Musik Amerikas hat es ihm angetan, was ihn geradezu als Kenner der ehemaligen Motown-Künstler prädestiniert. Die Herangehensweise an den Superstar Jackson ist eine sehr ungewöhnliche: Wie es der mehrdeutige Titel "Black Or White" schon andeutet, widmet sich Künzler nicht nur den optischen Besonderheiten, sondern teilt auch die Biographie des skandalumwitterten Künstlers in positive und negative Seiten ein.
Nun wissen wir aus der Presse der letzten Wochen bis zum Erbrechen, dass es beide Seiten gab. Es wäre müßig, in einer Rezension alles nochmal wiederzukäuen, was die Geschichte des größten Popstars des vergangenen Jahrhunderts (ich lehne mich gerne mal weit aus dem Fenster) ausmacht. An Vergleichen mangelt es nicht. Jackson selbst sah sich als moderner Peter Pan – und hatte mit der spät ausgelebten Kindlichkeit sicher nicht Unrecht. Zumindest fehlte ihm ein Unrechtsbewusstsein, was in Bereichen seines Lebens zu mehr Vorsicht geführt hätte. Ernst Hofacker vom "Sounds" vergleicht ihn mit dem Glöckner von Notre Dame – was mir sehr gefallen hat, da dieser Vergleich das Bild des Außenseiters mit dem guten Kern zum Tragen bringt. So musste man aber Tausende von Sichtweisen über sich ergehen lassen und die für einen selbst Richtige herauspicken. Das ist die Errungenschaft des Medienzeitalters.
Künzler bleibt weitestgehend objektiv und glänzt mit dem nötigen Fachwissen. Dass er keine Aspekte der Karriere verschweigt, um die Historie glanzvoller darzustellen, oder ihn härter zum Verbrecher abzustempeln, ist ihm hoch anzurechnen. Zudem hält sich der Autor mit seiner eigenen Meinung und seinen Emotionen in bestimmten Momenten nicht zurück. So schafft er auf 250 Seiten mit schönem Layout und einigen Schwarz-weiß-Fotos ein umfassendes Bild Jacksons von der Hochzeit der Eltern bis zur "This Is It"-Pressekonferenz und dem Schock nach der Todesmeldung. Wer die mehr als 50 Jahre umspannende Karriere kompakt nachlesen möchte, liegt hier genau richtig.
Der ergreifendste Moment der Trauerfeier kam für mich sehr überraschend – als Michaels Tochter ans Mikro trat und die Liebe zu ihrem Vater betont. Ein Augenblick, in dem neben dem ganzen Medienrummel plötzlich bewusst wird, dass dort ein Mensch gestorben ist, jemand, der vermisst wird, der ein liebender Vater war. Hanspeter Künzler gelingt es auch, Michael Jackson als Menschen darzustellen. Beinahe als fatalistischen Menschen, der ohne sein Zutun wie ein Blatt im Wind durch die äußeren Umstände in Richtungen getrieben wird, die er alleine nie eingeschlagen hätte. Selten war eine Biographie spannender – was aber ohne Zweifel auch an der Aktualität der Ereignisse liegt.