Der Thriller um Michael Jackson

Hanspeter Künzler

Veröffentlicht: 25.06.2010 / Hannibal-Verlag

Von: Andreas Weist

Der Thriller um Michael Jackson

Kommenden Freitag jährt sich der Todestag des King of Pop zum ersten Mal. Ein Datum, das uns trotz Fußball-WM mit Sicherheit einen medialen Jackson-Overkill bescheren wird. Es ist schon kurios, was man nach kurzer Recherche an pseudowissenschaftlichen Machwerken voller dubioser Verschwörungstheorien finden kann. Da gibt es Titel namens "Das Mordkomplott" oder gar "Der Michael-Jackson-Code", die sich reißerisch in Szene setzen und inhaltlich Null bieten. Auf den ersten Blick scheint auch "Der Thriller um Michael Jackson" in diese Kategorie zu gehören. Zumindest was den Titel angeht. Doch Autor Hanspeter Künzler bürgt seit "Black Or White" eigentlich für Qualität – ich gebe dem Inhalt also eine realistische Chance und werde absolut nicht enttäuscht.

Künzler setzt an der Stelle an, wo er mit "Black Or White" aufgehört hat. Erneut fährt er zweigleisig, bleibt in vielen berichtenden Teilen des Buches möglichst objektiv und bemüht sich, alle Fakten nach kritischer Recherche auf den Tisch zu legen, ohne eigene Deutungen einzubringen: die chronologischen Abläufe des Todes nach Schilderungen von Dr. Murray, Polizeibericht und Autopsie, die familiäre Situation vor und nach dem Tod, das Projekt "This Is It" in der geplanten Version und was nach dem Ende davon übrig blieb – um nur einige Aspekte zu nennen. Hanspeter Künzler hält sich an die Daten und die offiziellen, nachprüfbaren Berichte. Damit schafft er ein klares Bild der vergangenen zwölf Monate ohne jegliche Sensationsgeilheit. Sehr angenehm zu lesen!

Was daneben den subjektiven Part angeht: Da komme ich nicht umhin, zu sagen, dass dem Autor ein Meisterwerk gelungen ist. Als Bestseller-Autor, der zu seinem Titel kam wie die Jungfrau zum Kind, konnte er in der Folgezeit einen engen Kontakt zu Fans und ganzen Fanclubs aufbauen. Künzler nutzte diese Möglichkeiten, um sich ein Bild von den Menschen zu verschaffen, die Michael Jackson als Künstler verehrten, einzelne Personen näher kennen zu lernen und sich selbst eine Meinung zum Phänomen des "Fan-Seins" zu schaffen. Ein Instrument dazu waren Interviews, Email-Kontakte und eine Umfrage, in der den Fans spezielle Fragen zur Thematik gestellt wurden. Zum einen obligatorische Abfragen wie "Welches sind deine liebsten Werke von Michael Jackson?", aber auch Tiefgründiges wie "Was macht die besondere Faszination von Michael Jackson aus?" und "Haben die Skandalberichte in den Medien Deine Haltung zu Michael Jackson beeinflusst?".

Das Ergebnis ist ein wunderschön gezeichnetes Bild der großen Fangemeinde durch alle Altersklassen und gesellschaftlichen Schichten hindurch. Wir erfahren von Begegnungen mit der Musik und dem Menschen, von besonderen Augenblicken, die zu Eckpunkten im Leben Einzelner wurden. Alles liest sich sehr flüssig und spannend. Dazu kommen die mehrseitigen Porträts einzelner Fans, z.B. Thomas Käppeli, der in der Schweiz ein King-Of-Pop-Museum betreibt, oder Ueli Meier, der 2002 in London Jacksons Limousine verfolgte und ihm letztlich die Hand schütteln durfte. Ganz normale Menschen eigentlich, die sich im Gespräch mit Künzler geöffnet haben und deren Liebe zu Jackson hier nun in Worte gefasst wird.

Letzter Aspekt des Buches ist dann die eingestreute Abhandlung Künzlers über das Fan-Sein an sich aus historischer Sicht und am Beispiel Michael Jackson im Besonderen. Das Buch wechselt ständig zwischen den Ebene objektiver Berichterstattung, subjektiver Statements sowie wissenschaftlicher Abhandlung und ist trotzdem (oder vielleicht grade deshalb) sehr flüssig und spannend zu lesen. Lasst euch also nicht vom reißerischen Titel abschrecken: Hanspeter Künzler liefert ein Jahr nach Michaels Tod ein sehr gutes Buch ab, dass die Menschen in den Mittelpunkt stellt und ohne böse Gerüchte und Verschwörungstheorien auskommt. Empfehlenswert!

(VÖ-Tag soll laut amazon der 9.6. sein, ist aber momentan als "noch nicht erschienen" gelistet – daher setze ich mal den 25.6. ein.)

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