Helen Donlon
David Lynch zählt unbestritten zu den ungewöhnlichsten Regisseuren unserer Zeit. Seine Filme lassen Welten entstehen, die sich irgendwo zwischen Traum, Wahn und schmerzhafter Realität befinden, beziehungsweise zwischen diesen Sphären pendeln. Dabei wirft er viele Fragen auf, reißt so manches nur vage an, arbeitet mit unzähligen Symbolen und lässt vieles offen und unbeantwortet. Gänzlich unbeantwortet? Nein, denn Lynch gab im Laufe der letzten drei Jahrzehnte einige Interviews, in welchen er offen über seine Motive, Einflüsse und Schaffensprozesse sprach. Zitate aus diesen Gesprächen hat nun Helen Donlon in "David Lynch – Talking" auf 176 Seiten zusammengetragen. Das im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erscheinende Buch erweist sich als äußerst hilfreiche Lektüre für all diejenigen, die vom Gesamtwerk oder auch von einzelnen Filmen bzw. TV-Produktionen des Kultregisseurs nicht losgelassen werden.
Bevor falsche Erwartungen geschürt werden: Hier werden keine Geheimnisse der Filme gelüftet. Man erfährt nicht, ob die Handlung in "Mulholland Drive" fast zur Gänze ein Traum ist oder welchen Ursprungs das "Baby" in "Eraserhead" ist. Wenn man sich den Aussagen Lynchs jedoch zuwendet, so hört man möglicherweise auf, solche Fragen zu stellen. Denn der Regisseur und Drehbuchautor liebt es Geheimnisse und Rätsel entstehen zu lassen und würde niemals auf die Idee kommen, ein solches zu lüften. Das klingt, als genieße er es, mit dem Zuschauer zu spielen oder ihn gar auf den Arm zu nehmen, aber nein, er tut es gar im Sinne des Zuschauers, denn das Unerklärte ist wie ein Geschenk an ihn ("Je undurchdringlicher das Geheimnis, desto schöner ist es"). Der Zuschauer darf auch nach dem Kinobesuch weiter träumen, weiter verwirrt sein, weiter fragen... Ist das nicht ein Wesenszug der Kunst?
"David Lynch – Talking" verdeutlicht auch, wie der Filmemacher beim Erschaffen seiner geheimnisvollen Welten vorgeht. Zunächst ist da immer eine Idee. Klingt banal, ist für Lynch aber so wichtig wie die Luft zum Atmen. Er setzt meditative Techniken nicht nur ein, um ein ausgeglichenes Leben zu führen, sondern auch als eine Art Geburtshelfer seiner Ideen. Auf diese Weise ereilte ihn auch die brillante Lösung, wie der als (offener) Pilot einer Fernsehserie abgedrehte Teil von "Mulholland Drive" nach zusätzlichen Drehtagen zu einem fantastischen Ganzen wurde. Sobald Lynch eine solche Idee hat, die sich in seinem Kopf nach und nach konkretisiert, weiß er genau, wie er diese filmisch umzusetzen hat. Und dabei geht er keine Kompromisse ein. Jedenfalls nicht mehr seit "Dune – Der Wüstenplanet", als ihm der "Final Cut" verwehrt wurde. Aus diesem Trauma hat er gelernt. Heute setzt er seine Visionen um, ohne sich von Produzenten reinreden zu lassen. Der Leser bekommt eine Ahnung davon, wie perfektionistisch Lynch am Set vorgeht. Dennoch bindet er die Schauspieler ganz aktiv in das Geschehen mit ein und fordert deren Einflussnahme ("In meinen Filmen werden die Schauspieler nicht auf einzelne Noten reduziert, sie bekommen ganze Partituren").
In diesem Buch kommt aber nicht nur "der Meister" selbst zu Wort. Auch Weggefährten nehmen Stellung zum Phänomen und Menschen David Lynch. Und auch hier verbergen sich eine Menge Köstlichkeiten, die das Bild des Kultregisseurs zu einem stimmigen Ganzen formen ("Er ist so aufrichtig, dass man kaum merkt, dass er so kranke und verwirrte Gedanken hat" - Dennis Hopper). Justin Theroux belegt in diesem Kapitel auch Statements von Lynch, nach denen dieser einzelne Ideen habe, die er szenisch umsetzt und dann schauen müsse, wie diese in einem Film zusammen passten: "Laura Dern und ich sitzen am Set herum und versuchen herauszufinden, worum es eigentlich geht". Es ist doch irgendwie beruhigend, wenn die Schauspieler in Lynchs Filmen auch nicht schlauer sind als z.B. der ratlose Zuschauer des jüngsten Werkes "Inland Empire". Rational ist diesem Film wohl nicht beizukommen ("Ich hoffe auch weiterhin, dass die Leute Abstraktionen mögen werden... und dass sie über Dinge nachdenken, die nicht unbedingt Sinn ergeben").
Das Träumerische, Abstrakte oder auch Absurde wird in Lynchs Filmen von der Musik Angelo Badalamentis begleitet und verstärkt. Das Kapitel "Lyncheske Klanglandschaften" verdeutlicht, welch ungeheuer wichtige Bedeutung Lynch der musikalischen Untermalung seiner Werke beimisst ("Der Ton macht bei manchen Szenen 50% aus"). Lynch gibt in seinen Interviews auch Preis, dass er sich dem Rock´n`Roll und gar dem Heavy Metal verbunden fühlt, mit Punk aber nichts anfangen kann.
Obwohl das Buch aus einer Aneinanderreihung verschiedenster Zitate besteht, wirkt es kohärent. Das hat sicher mit der sinnvollen Unterteilung in 12 Kapitel (plus ca. 30 Abbildungen sowie Filmographie) zu tun, ebenso wie mit der sorgfältigen Zusammenstellung einzelner Aussagen. "David Lynch – Talking" bringt etwas Licht ins Lynch-Land und lässt gleichzeitig vieles im Halbdunkeln. Und das ist gut so. Fans wollen auch in Zukunft weiter über Lynchs rätselhafte Welten grübeln, träumen und diskutieren.