Helene Hegemann
"Axolotl Roadkill" und seine Autorin Helene Hegemann mussten schon viel durchmachen. Anfang 2010 ist es im Ullstein-Verlag erschienen, wurde erst himmelhochjauchzend gelobt und mittlerweile zutiefst verabscheut – oder schlichtweg links liegen gelassen – aufgrund von Plagiatsvorwürfen, die sich bewahrheitet haben und anschließend auch offiziell und öffentlich zugegeben wurden.
Hegemann selbst schreibt: "Ich bin sechzehn Jahre alt und momentan zu nichts anderem mehr in der Lage, als mich trotz kolossaler Erschöpfung in Zusammenhängen etablieren zu wollen, die nichts mit der Gesellschaft zu tun haben, in der ich zur Schule gehe und depressiv bin. Ich bin in Berlin. Es geht um meine Wahnvorstellungen". Dieser Satz trifft es auch ziemlich gut. Lassen sich während des Lesens schlichtweg keinerlei Grenzen festlegen zwischen Alptraum, Wahn und Realität. Es scheint als bewege man sich die meiste Zeit in Zwischenwelten, ab und an in der Realität. Oder sind es doch Wahnvorstellungen?
Die 16-jährige Mifti lebt seit dem Tod ihrer Mutter bei ihren zwei Halbgeschwistern in Berlin. Sie selbst verweigert den Schulbesuch und versinkt anstatt dessen in fremden Sphären, gelangt zurück in die Realität, nimmt diese unglücklicherweise so wahr wie sie nunmal ist und verkriecht sich anschließend wieder – auf wilden Partys mit Drogen und fragwürdigen Gästen, in finsteren Hinterhöfen, auf den Straßen Berlins und den darauf rollenden Taxen mit ledernen Rückbänken. Es ist ein und derselbe rote Faden, der blass schimmernd, sich verheddernd und fusselig durch das komplette Buch gezogen wird: Bin ich es wert geliebt zu werden und zu leben? Und was verdammt nochmal soll das, Mutter? Verworren beschreibt Mifti ihren Alltag und Alltagsträume. Oft lässt es sich schwer sagen, ob es ein Tagtraum ist, ein Alptraum oder nur irgendetwas zusammenhangslos dahergefaseltes. Ein Ziel hat die Geschichte Miftis wohl nicht. Man könnte auch meinen, der Weg sei das Ziel und begleitet somit die Teenagerin auf ihren Streifzügen durch Berlin, ganz egal ob sie nun realer, illusionistischer oder halluzinogener Natur sind.
Sicher ist, dass man sich in den verworrenen Satzkonstellationen verirren kann, vielleicht nicht mehr herauszufinden glaubt, das Buch beiseite legen möchte und es dann aber, naiv an ein gutes Ende glaubend, doch nicht tut. Vielleicht aber auch einfach nur, um es gelesen zu haben, um mitreden und -mischen zu können in der heißen Debatte um Plagiatsvorwürfe, Betrug und Urheberrecht. Die Autorin nennt es Intertextualität, ihre Kritiker nüchtern Diebstahl. "You write like a roadkill." "Like a what?" "Ein angefahrenes Tier."
Ob es sich schlussendlich um "hingekotzte Scheiße" handelt oder man Hegemann nun zum Genie stilisieren kann bleibt Ansichtssache. Zu empfehlen ist "Axolotl Roadkill" trotzdem – allerdings nicht Liebhabern ästhetischer und traditioneller Literatur sondern wohl eher experimentierfreudigen Lesern, denen es nichts ausmacht, auch den ein oder anderen ungepflasterten Schotterweg entlangzuhumpeln.