Alles nur geträumt - Fluch und Segen der Neuen Deutschen Welle

Hollow Skai

Veröffentlicht: 01.04.2009 / Hannibal-Verlag

Von: Andreas Weist

Alles nur geträumt - Fluch und Segen der Neuen Deutschen Welle

Eigentlich war die Zeit der Neuen Deutschen Welle mit (über den Daumen) acht Jahren viel zu kurz, um nachhaltig in die Musikgeschichte einzugehen – und doch sind die Einflüsse bis in die heutige Zeit spürbar. Mal davon abgesehen, dass keine 80er-Jahre-Party ohne die spaßigen Mitgrölnummern auskommt. Auch die Erfolgsgeschichte deutschsprachiger Sänger wie Lindenberg, Westernhagen oder Grönemeyer, von Gruppen wie BAP, den Ärzten und den Toten Hosen wäre ohne NDW mit Sicherheit neu zu schreiben. Direkte Auswirkungen spürte man noch bis ins neue Jahrtausend, als die sogenannte Hamburger Schule mit Bands wie Tocotronic und den inzwischen aufgelösten Blumfeld eine neue Blüte erlebte und Newcomer wie Wir sind Helden, Kettcar und Virginia Jetzt! sich mehr oder weniger deutlich auf die Helden der frühen 80er beriefen.

Geschichte und historische Bedeutung der Bewegung sind somit durchaus eine Doktorarbeit wert, doch die Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen bleibt überschaubar. Produzent und Autor Holger Poscich, der diesen Namen längst gegen das wohlklingende und in der Szene allseits bekannte Pseudonym Hollow Skai eingetauscht hat, nimmt sich in einem kürzlich erschienenen Wälzer der Zeit von 1976 (dem Jahr als Iggy Pop und David Bowie nach Berlin zogen) bis Mitte der 80er Jahre an und analysiert in einem gekonnten Rundumschlag die Szene.

In spannenden Anekdoten folgt Skai der Entstehung der Bewegung, die als deutschsprachige Variante der Punk- und New Wave-Musik startete, aber schnell ein Eigenleben entwickelte, das weit über diese Richtungen hinaus führte. Puristen können sich nun darüber streiten, welche Gruppen wirklich zur NDW gezählt werden dürfen. Nur die intellektuelle Elite, die sich in Bands wie Mittagspause, DAF oder Fehlfarben ausdrückte? Oder auch die Spaßfraktion mit ihren hitparadentauglichen Vertretern von Nena bis hin zu Peter Schilling und Geier Sturzflug? Der kommerzielle Erfolg gab zumindest letzteren Recht und plötzlich war auch die verhasste ZDF-Hitparade ein willkommenes Sprungbrett in die Charts.

Hollow Skai glänzt mit einem enormen Hintergrundwissen, das er sich nicht zuletzt als direkter Beobachter der Szene erworben hat. Seine Examensarbeit zum Thema Punk veröffentlichte er zu einer Zeit im Sounds-Verlag, als der Begriff der Neuen Deutschen Welle vom Musikmagazin Sounds und vor allem seinem Redakteur Alfred Hilsberg gerade neu geprägt wurde. So konnte Skai die Entwicklung zwar aus der Perspektive der Punkbewegung, aber doch aus nächster Nähe mit Einblicken in wichtige Veranstaltungsorte wie den Ratinger Hof oder das SO36 beobachten.

Das Buch liest sich überaus unterhaltsam und es tut gar nicht weh, sich durch zig Seiten mit Bandnamen zu schlagen, von denen man als unbedarfter Musikliebhaber (wollen wir doch mal ehrlich sein) so gut wie noch nie etwas gehört hat. Wenn dann historisch gesehen die Kommerzialisierung Einzug hält und NDW von der Independent-Bewegung zur Populärmusik wird, tauchen erst die uns bekannten Namen auf. Logisch – und doch zugleich erschreckend. Zumindest erfüllt es mit Genugtuung, dass mit der zunehmenden Umwandlung von NDW-Songs in deutsche Spaß-Schlager die Altmeister wie Roland Kaiser und Andy Borg plötzlich (was Plattenverkäufe und Hitparadenpräsenz angeht) das Nachsehen hatten. Und wenn ich so an meine Jugend zurückdenke, wurde doch der musikalische Reigen um Dieter Thomas Heck mit Nenas "Nur geträumt", Trios "Da da da" und dem allgegenwärtigen "Bruttosozialprodukt" von Geier Sturzflug erst zum lohnenswerten Fernsehereignis.

"Alles nur geträumt – Fluch und Segen der Neuen Deutschen Welle" soll jedoch nicht nur der Vergangenheitsbewältigung von Enddreißigern und Neuvierzigern dienen. Vielmehr wird es zum hilfreichen Nachschlagewerk hinsichtlich der vielleicht wichtigsten Epoche deutschsprachiger Musikgeschichte. Skai tut alles, um dem gerecht zu werden: Eine Zeittafel mit Ereignissen von 1976 bis hin zu ausgewählten Stationen der Gegenwart ist enthalten, eine Diskographie relevanter Werke von Abwärts bis Joachim Witt, eine ausführliches Literaturverzeichnis sowie ein umfangreicher Index als Verzeichnis aller erwähnten Bands und Personen. Wer sich nicht damit abfinden will, dass Oliver Geissen und das Konfetti-Musical "Ich will Spaß" die Deutungshoheit über die NDW-Ära gewinnen, sollte sich dieses Buch zulegen und für seine Verbreitung sorgen. In einem höchstpersönlich geführten BLOG (HIER) schreibt Skai die Geschichte übrigens fort. Spread the news!

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