Wir sind Helden
Wie Bands von Produzenten und Plattenbossen zusammengesucht und für den kurzen Erfolg ins Rampenlicht gebracht werden, wissen wir inzwischen aus zahlreichen Casting-Shows. Aber wie entstehen echte Bands, wie werden sie bekannt und vielleicht sogar berühmt, und wie ist das Leben zwischen Bühne, Tourbus und Studio wirklich? Wir sind Helden verraten es uns in ihrem Buch „Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen“.
Seit Mai 2002 führen die Helden – hauptsächlich vertreten durch Judith Holofernes – auf ihrer Homepage Tour- und Studiotagebücher. Diese Tagebücher bilden das Grundgerüst des Buches. Ergänzend dazu gibt es rückblickende Kommentare von allen vier Helden und auch mal vom Produzenten Patty, vom Tourmanager Danny oder von anderen Mitarbeitern der Band. Zusammengestellt und bearbeitet wurde das Ganze von Josef Winkler und Albert Koch.
Die Tagebuch-Texte sind rot gedruckt, die Kommentare schwarz in versetzten Rahmen mit dem Namen des Verfassers daneben, dazwischen immer mal wieder Fotos. So wirkt das Ganze schon rein optisch bunt, unterhaltsam und ein bisschen verrückt - und die geweckten Erwartungen werden beim Lesen keineswegs enttäuscht. Denn so sympathisch, witzig und gleichzeitig tiefsinnig wie Wir sind Helden bei ihren Konzerten wirken, so schreiben sie auch.
Das fängt schon im ersten Kapitel über die Entstehung der Band an, wenn Judith schreibt: „Wir haben die aktive Legendenbildung in einem frühen Stadium versäumt und müssen nun damit leben: Drei Viertel der Helden haben sich beim, seufz, Sommerkurs einer Musikhochschule kennen gelernt.“
Im folgenden erfährt man unter vielsagenden Überschriften wie „Total entspannt auf die Bühne stolpern“, „Alles gut, auch ohne Schlaf“ und „(Limp Bizkit haben abgesagt!)“ so ziemlich alles Wichtige aus der weiteren Geschichte der Helden, von der ersten Tour über die Studioproduktionen ihrer diversen Alben bis zum Stand der Dinge im Sommer 2007. Am Anfang finden sich noch sehr informative Steckbriefe der vier Bandmitglieder, in den Videotexten eins bis neun verrät Jean Wahrheiten über die Videoclips der Helden – natürlich auch von den anderen kommentiert –, und am Schluss gibt es noch ein Glossar mit Begriffen aus der Musikersprache.
Ach ja, und da sind ja auch noch diese witzigen E-Mails an die Helden, hauptsächlich von Fans aus aller Welt, die die deutsche Sprache nur lückenhaft beherrschen – die erste dieser E-Mails trägt übrigens die Schuld am Titel des Buches. Insgesamt also unheimlich viel Information und sehr spannend zu lesen.
Wer übrigens die Special Edition von „Soundso“ besitzt, kann sich auf der enthaltenen DVD auch ein bisschen von den Helden selbst vorlesen lassen. Das machen sie wirklich gut – und vor allem hat man später beim Selberlesen dann dieses schöne Bild im Kopf: Jean, Judith, Pola und Mark in großen Sesseln vor einer altmodischen Wohnzimmerwand, wie sie abwechselnd ihre Kommentare abgeben.
Die lockere Struktur das Buches verführt sehr dazu, mal eben ein bisschen darin herumzublättern. Sicherheitshalber sollte man es sich vorher aber doch lieber auf der Couch oder im Bett bequem machen, denn aus „ein bisschen herumblättern“, wird leicht ein „sich stundenlang fasziniert festlesen“. Deshalb ist „Informationen zu Touren und anderen Einzelteilen“ auch nur bedingt als Klo-Lektüre zu empfehlen – außer man lebt allein, oder hat noch mindestens eine Ausweichtoilette in der Wohnung.
Der Kauf des Buches ist jedoch auf jeden Fall empfehlenswert! Für Fans sowieso – aber es ist eben viel mehr als ein reines Fanbuch. Es ist der ehrliche und gleichzeitig unterhaltsame Einblick in den Alltag einer Band, die nie geplant hatte, wirklich so berühmt zu werden und es vielleicht gerade deswegen bis ganz nach oben in der deutschen Musikszene geschafft hat. Und als Leser darf ich nochmal dabei sein, wenn es passiert!