Joel McIver
Seit ihrer Gründung 1981 in Los Angeles haben sich Metallica zu einer der einflussreichsten und erfolgreichsten Metalbands aller Zeiten entwickelt. Ausgehend von ihrem Debüt "Kill Em`All" hat die Band bislang weltweit über 100 Millionen Alben verkauft. An ihrem Status hat sich auch im 21. Jahrhundert wenig geändert, wie der immense Erfolg ihres im September des vergangenen Jahres erschienenen neunten Studioalbums "Death Magnetic" beweist. Logisch, dass es über die bisherigen 28 Metallica-Jahre eine Menge zu erzählen gibt.
Dieser Aufgabe hatte sich Joel McIver (Production Editor beim "Record Collector") mit seiner Biografie "Justice For All: Die Wahrheit über Metallica" bereits 2004 angenommen. Immerhin hat er seitdem nach eigenen Angaben fast 40.000 Exemplare der Erstausgabe in acht verschiedenen Sprachen verkauft. Grund genug also für eine "Updated Edition", die jetzt im Bosworth Verlag erscheint und um die Jahre 2004 bis 2009 erweitert wurde. Macht knapp 100 Seiten mehr im Vergleich zur Veröffentlichung fünf Jahre zuvor.
Auf nunmehr 532 (eng beschriebenen) Seiten rollt McIver also den Werdegang der "Bay Area Trasher" detailliert auf. Mehr als 70 Interviews hat er dafür seit 1996 geführt und eine stattliche Anzahl bekannter Musiker, Produzenten, Autoren, Bandkollegen und Familienmitglieder befragt. Darunter zum Beispiel Lemmy Kilmister von Motörhead, der langjährige Metallica-Produzent Flemming Rasmussen, Starfotograf Ross Halfin (der Metallica als "geldgeile Geldmaschine" bezeichnet) oder Ex-Bassist Jason Newsted, der die Band 2001 verließ. Dass er selbst ein grosser Fan von Kirk Hammett, James Hetfield, Lars Ulrich und Robert Trujillo (so die aktuelle Besetzung) ist, verleugnet McIver keineswegs, bewahrt dabei aber fast durchgängig die nötige kritische Distanz. Sein Buch wurde von dem Quartett übrigens nicht authorisiert.
Natürlich fließen einige persönliche Ansichten in die zahllosen Fakten mit ein, die der Autor im Verlaufe seiner zweifellos akribischen Recherche zusammengetragen hat. Diesen kann man zustimmen oder eben nicht. So versucht er beispielsweise mit einigen "Mythen" aufzuräumen, was zwar durchaus interessant zu lesen, insgesamt jedoch etwas zu subjektiv gefärbt ist. Lesenswert, besonders für "Neulinge", weniger wohl für die Fraktion der Hardcore-Fans, sind da schon McIvers Schilderungen aus den Anfangstagen der Band (der erste offizielle Auftritt fand laut Buch am 14.03.1982 in der Radio City von Anaheim statt). Zwar hat man manchmal Schwierigkeiten, die ganzen Personen, die er aufzählt auseinanderzuhalten, dennoch ist es lobenswert, dass er die Laufbahn Metallicas gleichzeitig immer wieder in Kontext zur Gesamtentwicklung der Rock- und Metalszene setzt. So beleuchtet er etwa den Einfluss des berühmten ersten Metallica-Demos "No Life `Til Leather" (1982) auf die Trash Metal Bewegung oder umgekehrt den der Grunge-Ära Anfang der 90er auf die Entstehung des sogenannten "Black Albums". McIver blickt auf den tragischen Tod des Bassisten Cliff Burton zurück, die Alkoholsucht von James Hetfield, den Rechtsstreit zwischen Metallica und Napster, den beeindruckenden "Some Kind Of Monster"-Film von 2004, widmet sich ausführlich "Death Magnetic" und zählt derart viele weitere Anekdoten aus der Bandgeschichte auf, dass es unmöglich ist, diese hier alle zu benennen. Wäre man zum Beispiel einem Vorschlag von Lars Ulrich bei der Suche nach dem Bandnamen gefolgt, dann hießen Metallica heute "Hcirlu Sral"...
"Justice For All: Die Wahrheit über Metallica" ist ein sehr vielschichtiges Werk und trotz seines nun noch einmal erweiterten Umfangs eine überaus interessante und spannende Lektüre, in der letzten Endes der Journalist McIver gegenüber dem Fan McIver glücklicherweise die Oberhand behält. Ob seine Biografie tatsächlich die Wahrheit über Metallica abbildet, lasse ich mal dahingestellt. Sie fasst zumindest die vollständige Geschichte dieser einzigartigen Band bis ins kleinste Detail zusammen. Abgerundet wird das Ganze durch ein Vorwort des Celtic Frost-Sängers Thomas Gabriel Fischer, 48 Fotos und eine (allerdings eher spärliche) Diskografie. Einzig wirklicher Fauxpas: Als Titel der Originalausgabe wird im Index des Buches "The Many Lives Of Tom Waits" genannt. Das wiederum ist ein völlig anderes Buch. Und wer sich dafür interessiert, darf jetzt gerne hier klicken.