Len Brown
Wie aktuell Morrissey und die Musik der Smiths heute immer noch ist, zeigt der Film “(500) Days of Summer“, in dem sich die beiden Protagonisten über die aus den Kopfhörern schallenden Smiths und die Textzeile “To die by your side“, näher kommen. Doch eine wirkliche gute Biografie über Morrissey ließ bisher auf sich warten. Mit “Im Gespräch mit Morrissey“ erscheint endlich auch auf deutsch und mit knapp 400 Seiten ein kleiner Wälzer vom langjährigen NME-Journalist Len Brown.
Brown, der auch für Spin, The Guardian und den Observer geschrieben hat, führte über viele Jahre immer wieder Interviews mit Morrissey und ist damit den meisten Morrissey-Biografen einen großen Schritt voraus. Er selbst bezeichnet sich als “zurückhaltender Biograf“ und das darf man ihm durchaus glauben. In unaufgeregtem Schreibstil folgt er den Stationen in der Karriere Morrisseys, ohne reißerisch zu sein oder sich aufzuspielen als wären sie Freunde (er betont sogar, dass sie weder befreundet sind, noch er zu seinen engeren Bekannten zählt). Geschickt arbeitet er seine aus zahlreichen Interviews mit Morrissey erworbenen Kenntnisse und Antworten in den Text ein.
Der ruhige Erzählfluss macht schnell klar, dass Brown nicht einfach mal schnell die Karrierestationen abhaken will und vom einen zum Nächsten hetzt, sondern sich Zeit nimmt, für ausführliche Betrachtungen, die erlauben ein tieferes Verständnis seiner Texte und Beweggründe zu gewinnen. Besonders detailverliebt widmet Brown sich den unzähligen Einflüssen, die Morrissey als Künstler prägten, und geben einen Einblick, wie das Manchester seiner Jugend für Morrissey ausgesehen hat. Dazu die vielen kulturellen Einflüsse, wie die britischen “Kitchen Sink“ Dramen der 60er Jahre sowie die vielen genannten Autoren, Sänger und Gruppen, die Morrissey im Laufe seines Lebens beeinflusst haben. Für den leidenschaftlichen Morrisseyfan lädt dieses Namedropping zu weiteren Nachforschungen ein. Dabei ist auch die Liste der weiterführenden Literatur hilfreich, auf der neben Oscar Wilde, Alan Bennett auch der Königin der Exzentrik, Edith Sitwell, Dichter John Betjeman, Bühnenautorin Shelah Delaney zu finden sind.
Praktischerweise beinhaltet das Buch auch eine Aufstellung von “Morrisseys Menschen: Ikonen und Einflüsse“, wo alles noch einmal in Ruhe nachgeschlagen werden kann. Als weitere Zugaben gibt es eine Zusammenstellung der wichtigsten Stücke im Kurzabriss, eine einfache Diskografie mit Chartplatzierungen und drei Bildteile mit schwarz-weißen Fotos.
Biografisch gliedert sich das Buch in zwei Teile, The Smiths und Morrissey. Natürlich widmet er sich den großen Ereignissen, wie der Aufstieg der Smiths zu einer der bedeutendsten britischen Indie-Bands der achtziger Jahre, das Zerwürfnis mit Johnny Marr, die Solojahre, die Rassismus Vorwürfe nach dem Finsbury Park Auftritt gehüllt in den britischen Union Jack, das grandiose Comeback 2004 mit “You Are The Quarry“, sein gespanntes Verhältnis zur britischen Presse. Aber auch alles, was dazwischen kam, finden Erwähnung, wobei Len Brown immer bemüht ist unter die Oberfläche zu gelangen und nicht nur Altbekanntes wiederzukäuen.
Das Thema Sexualität und die Frage, „ist er es nun oder ist er es nicht.“ widmet er ein ganzes Kapitel, das zum Glück ganz und gar nicht reißerisch geraten ist. Dabei geht es gar nicht darum, diese Frage abschließend zu klären oder skandalöse Schlüsse zu ziehen. Die Antwort kennt schließlich nur Morrissey selbst und er hüllt bekanntermaßen in zweideutige und nebulöse Aussagen. Und bis zu dem Tag an dem Morrissey selbst den Stift zückt, ist Len Brown die Biografie von Morrissey gelungen.