Leonard Cohen – Titan der Worte

Christof Graf

Veröffentlicht: 12.03.2010 / edel Rockbuch

Von: Andreas Weist

Leonard Cohen – Titan der Worte

2008 startete Cohen sein Live-Comeback mit der ersten Tournee nach 15 Jahren, die ihn in 84 Länder führte. Seine Auftritte wurden von überwältigenden Publikumsreaktionen und erstklassigen Kritiken begleitet. Und es zeigte sich mal wieder, dass der Rockpoet zu Recht als lebende Legende – um es mit Christof Graf auszudrücken: als "Titan der Worte" – gilt. Das Programm (festgehalten auf der "Live in London"-DVD) wurde zum Querschnitt durch alle Epochen seines musikalischen Schaffens inklusive der Klassiker "Suzanne", "Bird On The Wire", "So Long, Marianne" und natürlich "First We Take Manhatten". Die Ansagen erscheinen vielmehr als rezitierte Gedichte denn als eine Kommunikation mit dem Publikum, das dennoch andächtig jedes Wort aufsaugt.

Wer im Alter von 74 Jahren einen solchen Triumphzug durch die Konzertarenen erlebt und mehr als 700.000 Zuschauer zu Tränen rührt, der hat eine neue, umfassende Biographie wie dieses Werk verdient. Graf gilt als ausgesprochener Cohen-Kenner und hat bereits mit "So Long, Leonard", "Partisan der Liebe" und "Songs Of A Life" drei Werke verfasst, die zur Standardliteratur über den Künstler zählen. Ob es da überhaupt noch viel hinzu zu fügen gibt, kann ich mangels Unkenntnis der Vorgängerwerke nicht beurteilen. Doch allein die Tatsache, dass der dokumentierte Zeitraum von 2002 bis zur Gegenwart stark erweitert wurde, macht es zur unumgänglichen Lektüre für alle Freunde des genialen Songwriters.

Christof Graf stellt sehr umfassend den Lebensweg und die musikalischen Werke Cohens dar. Es gelingt ihm dabei stets, den Sänger auch selbst zu Wort kommen zu lassen. Oft unter widrigen Umständen – wenn das Management keine Interviews "erlaubt", wie Graf es im ausführlichen Prolog beschreibt. Doch dann auf einer sehr emotionalen Ebene, die nur unter befreundeten Menschen entstehen kann, die sich eben nicht zum offiziellen Interview, sondern zum Gespräch in vertrautem Rahmen begegnen. Prof. Dr. Christof Graf, Dozent, Publizist, Marketingbeauftragter beim Saarländischen Rundfunk, nutzt seine guten Kontakte, um ein inniges Bild von Leonard Cohen zu zeichnen und ihm die Antwort auf Fragen zu entlocken, die andere gar nicht erst zu stellen wagen – sei es zu Beziehungen, Depressionen oder der Angst vor dem Tod.

Der historische Abriss ist chronologischer Natur, beginnt mit Elternhaus, Kindheit und ersten literarischen Gehversuchen. Wir erfahren viel über Cohens Gedankengänge, seine Inspiration, sein in vielen Punkten sehr kritisches, subversives Weltbild. Aufgelockert werden die Erzählungen stets durch Texte aus Cohens Feder, seien es Gedichte, Lyrics oder Songentwürfe. Auch die Schattenseiten werden beleuchtet – Trinkgelage, Pharmazeutika und Depressionen. Die Phasen des Rückzugs und die stets erfolgreiche Rückkehr.

Graf teilt das Buch in vier "Akte" ein – ein Bild, das auch Cohen frei nach Tennessee Williams gerne für sein Leben verwendet. Der "IV. Akt" behandelt demnach das neue Jahrtausend: erste neue Songs in Montreal, das Album "Ten New Songs", die Kollaboration mit U2, Begegnungen mit Bob Dylan, den umjubelten Auftritt beim Montreaux Jazz Festival 2008 und die noch andauernde Welttournee, in deren Zeitraum auch der 75. Geburtstag und die erste DVD-Veröffentlichung fallen. Es bleibt zu bezweifeln, ob bei einem solch rüstigen Oldie das letzte Wort schon gesprochen ist. So fügt Graf als dezenten Hinweis im Inhaltsverzeichnis einen V. Akt mit dem Titel "...to be continued" ein. Es folgen berührende Farbfotos aus der Gegenwart und eine ausführliche Diskographie mit Stand Januar 2010. Das neue Standardwerk ist geschaffen – für Fans unumgänglich.

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