Let It Bleed - Die Rolling Stones, Altamont und das Ende der Sixties

Ethan A. Russell

Veröffentlicht: 08.09.2010 / edel Rockbuch

Von: Thomas Kröll

Let It Bleed - Die Rolling Stones, Altamont und das Ende der Sixties

Die USA am Ende der 1960er Jahre: In Vietnam tobte ein zunehmend sinnloser Krieg, Martin Luther King wurde in Memphis erschossen, kurz darauf auch Robert Kennedy, das Land war erschüttert von Rassenunruhen und wählte Richard Nixon zu seinem neuen Präsidenten. In Woodstock fand ein legendäres Musikfestival statt und die Rolling Stones veröffentlichten ihr Album "Let It Bleed". Damals befand sich die Band in einer ihrer künstlerisch kreativsten Phasen. "Let It Bleed" war das letzte Album mit Gitarrist Brian Jones, der noch vor der Fertigstellung im Schwimmingpool seines Hauses ertrank. Die anschließende Tour sollte die grösste werden, die es in der Rockmusik bis dahin gegeben hatte. Sie führte im November 1969 durch 15 amerikanische Städte und geriet zu einem Triumphzug. Bis sich die Stones dazu überreden ließen, in der Nähe von San Francisco noch ein Gratiskonzert auf dem Altamont Speedway dranzuhängen...

Der Fotograf Ethan A. Russell war immer und überall mit seiner Kamera dabei: In Hotelzimmern, bei den Proben, backstage oder vor der Bühne. Russell hatte sie alle schon vor der Linse: Die Stones, The Who, die Beatles, The Doors bis hin zu Audioslave oder John Hiatt. Seine Sicht der Dinge, besonders auf jenen verhängnisvollen 6. Dezember 1969 in Altamont, hat er nun in Wort und natürlich Bild in "Let It Bleed - Die Rolling Stones, Altamont und das Ende der Sixties" zusammengefasst. Das edel gestaltete Hardcoverbuch (im Format 24,5 x 28 cm!) bietet auf 240 Seiten zahlreiche bisher unveröffentlichte Fotos, exklusive Kommentare der Bandmitglieder und anderer Zeitzeugen, und versucht sich vor allem an der Beantwortung der Frage: Was ist in Altamont schief gelaufen?

Die Filmemacher David und Albert Maysles haben die damaligen Vorkommnisse bereits 1970 in "Gimme Shelter" dokumentiert, nahmen dabei jedoch einen eher neutralen und beobachtenden Standpunkt ein. Ethan A. Russell hingegen war ein Teil des Ganzen und berichtet quasi aus dem Auge des Hurricans. Er beginnt damit gewissermaßen am Ende, indem er die Angst, ja Panik der Stones und ihrer Entourage auf ihrer Flucht aus Altamont in zwei völlig überfüllten Helikoptern schildert. Erst dann greift er den Faden chronologisch auf, beschreibt sein letztes Fotoshooting mit einem längst an allerlei Drogen verlorenen Brian Jones, vermittelt einen Eindruck von den Tourvorbereitungen, den grossartigen Konzerten und dem Drumherum, erzählt von Groupies, Treffen mit Jimi Hendrix oder Chuck Berry, wie sich alle - von Mick Jagger bis zum Leibwächter Tony Funches - als eine Familie verstanden und lässt dabei Fotos von seltener Intimität und Nähe für sich sprechen.

Bis der folgenreichste Moment der gesamten Tour kam. Die Presse übte Kritik an den Ticketpreisen, was Mick Jagger ärgerte. "Bei der Pressekonferenz in New York wehte der Geist von Woodstock durch den Raum, und die Frage nach einem Gratiskonzert kam aufs Tapet. Es wurde nie geklärt, ob Jaggers Antwort darauf überlegt oder spontan war, aber er versprach, dass die Rolling Stones am Ende der Tournee ein Gratiskonzert geben würden - in San Francisco". Schon die Vorbereitungen waren ein einziges Chaos. Das Konzert musste kurzfristig an den dafür unterdimensionierten Altamont Speedway verlegt werden. Es gab keine Absperrungen und zu wenig Parkplätze für den Ansturm von 300.000 Fans (und das, obwohl das Konzert von keinem einzigen Plakat vorangekündigt worden war). Die Band selbst bekam davon wenig bis garnichts mit.

Später wurde oft die Frage gestellt, wer letztlich für den Einsatz der Hells Angels als Ordner verantwortlich war. Folgt man "Gimme Shelter", so geschah dies in einer Mischung aus eigenem Antrieb und der Kapitulation der Veranstalter vor den mit Drogen und Alkohol komplett zugedröhnten Rockern. Wie auch immer, die Gang prügelte jedenfalls ständig wahllos auf Fans und teilweise auch auf die Musiker der Vorgruppen ein, sodass das Konzert mehrfach unterbrochen werden musste. Aus Peace, Love And Happiness wurde unkontrollierbare Gewalt und schließlich Tod. Der 18-jährige Meredith Hunter wurde vor den Augen der Stones von einem Hells Angel erstochen, als er versuchte, mit einer gezogenen Schusswaffe zur Bühne vorzudringen. Von diesem Moment gibt es kein Foto, aber Russell hat den Schockzustand festgehalten, in dem sich die Band währenddessen und danach befand. "Es war furchtbar. Wenn Jesus da gewesen wäre, hätten sie ihn gekreuzigt", hat Mick Jagger einmal gesagt. Russell hat auch Meredith Hunter auf einem seiner Fotos entdeckt. Da lebte er noch.

Anders als die Medien spricht Russell die Stones weitestgehend von jeder Schuld frei und man ist geneigt ihm zu glauben. Sicher ist, dass Altamont das Ende der Love & Peace-Generation und einen Wendepunkt in der Geschichte des Rock`n`Roll darstellte. Mit "Let It Bleed - Die Rolling Stones, Altamont und das Ende der Sixties" hat Ethan A. Russell dieses Trauma hautnah und beeindruckend aufgearbeitet. 2007 kehrte er noch einmal an den Ort des Geschehens zurück. Was er fand, war "nur das Rauschen des Windes in den Bäumen".

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