Manuel Schreiner & Mirjam Kolb
Wenn einer eine Reise tut – dann hat er Glück, falls er am Zielort gute Bekannte hat, die ihm etwas erzählen können. Beispielsweise wo die angesagten Clubs sind, die Plattenläden, die das richtige Sortiment haben, oder die Restaurants, die gut und trotzdem günstig sind. Nur schade, dass man nicht in ganz Europa solche Bekannte hat. Was es aber in allen großen Städten Europas gibt, sind gute Bands. Und so liegt es doch nahe, die Bandmitglieder zu fragen, wo sie ihre Klamotten shoppen, ihr Bier trinken und ihre Platten kaufen. Eben! Und genau das haben die Autoren Manuel Schreiner und Mirjam Kolb getan. Ein hervorragendes Konzept. Schließlich steckt eine Logik dahinter: Wenn wir musikalisch auf einer Wellenlänge liegen, sollte das doch auch auf anderen Ebenen klappen.
Knapp 80 Musiker laden uns zu einer Entdeckungsreise in „ihre“ Städte ein. Da sind Eric & Me, Idlewild, Jonas Goldbaum und die Kaiser Chiefs. Wir lesen kurze Artikel von Kettcar, Klee und den Manic Street Preachers, den Sportfreunden Stiller und Tocotronic. Die komplette Auflistung würde den Rahmen sprengen. Die Aufteilung ist auf den ersten Blick leicht konfus. Es gibt die Schwerpunkte Britische Inseln und Skandinavien, dann folgt zusammengefasst West-Europa und auf wenigen Seiten Süd-Europa. Der Guide eignet sich also vor allem für Entdeckungsreisen im Nordwesten. Da sind dann aber auch ausführliche und umfassende Infos zu finden: über London, Bristol und Birmingham über Nottingham und Leeds. Roddy Woomble beispielsweise, Sänger der Indie-Schotten Idlewild, lässt sich über Edinburgh aus und stellt Kneipen und Clubs vor, die selbst Ian Rankin in seinen Romanen um Inspector Rebus noch nicht ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hat.
In Skandinavien werden neben Oslo und Stockholm eine Reihe kleiner Städte mit unaussprechlichen Namen unter die Lupe genommen. Und in Deutschland dürfen nach dem ausführlich beleuchteten Berlin auch Hamburg, Hannover, München und Köln, ja sogar Bonn, Freiburg und Augsburg dran glauben. Als Insider in Luxemburg kann ich dem Lokalmatadoren Daniel Balthasar nur zustimmen, wenn er den „Hauch von Großstadt“ in der kleinen Metropole mit nur 85.000 Einwohnern beschreibt.
Der Indie Travel Guide bietet eine spannende und aufschlussreiche Lektüre, die auch zum Stöbern einlädt, ohne dass man unbedingt auf der Suche bezüglich eines Reiseziels sein muss. Nach 570 interessanten Seiten beschließt ein ausführlicher Index das Werk, der die reiseführenden Künstler alphabetisch auflistet, und die Städte – was natürlich hilfreich ist. Unnötig finde ich die Aufzählung der Sehenswürdigkeiten, der diversen Geschäfte, Restaurants und Clubs in A-Z-Manier. Das macht wenig Sinn. Wer kann es sich schon leisten, für ein bestimmtes Schuhgeschäft durch halb Europa zu fahren? Aber die paar zusätzlichen Seiten sind ja auch nebensächlich. Ich empfehle das Buch als sinnvolle Lektüre für alle, die auf der Suche nach Insidertipps sind. Das Werk kann ein nützlicher Begleiter auf zukünftigen Reisen sein. Und vielleicht trifft man ja mal den ein oder anderen „Star“ beim abendlichen Bierchen.