Michal Welles
Am 19. April 1971 – vor 40 Jahren – wurde Charles Manson zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde nie vollstreckt, da der Oberste Gerichtshof Kaliforniens die Todesstrafe vorübergehend abschaffte und Mansons Strafe demzufolge in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Bis heute gibt es Menschen, die der Faszination des Bösen und insbesondere der Person Charles Manson erliegen und sich zu seinen Anhängern zählen. Das vorliegende Buch erzählt von diesen Menschen und vor allem von Manson selbst, der das Werk als "Meine letzten Worte" autorisiert hat.
Der musikalische Hintergrund Mansons ist in vielen Facetten gegeben. Zunächst war er selbst ein mäßig erfolgreicher Folk-Musiker. Er ist bis heute aktiv und veröffentlicht Alben in kleinen Auflagen. Historisch bedeutungsvoller sind aber seine Bekanntschaft mit den Beach Boys und das gemeinsame Songwriting mit Dennis Wilson. "Never Learn Not To Love" schaffte es immerhin auf die B-Seite einer Beach-Boys-Single.
Kriminalbiologe Mark Bennecke, der das Vorwort zum Buch schrieb, bezeichnet Manson als den "mit Abstand gruseligsten Clown, aber auch traurigsten und irrsten Straftäter", von dem er je gelesen habe. Das Grauen kulminierte in die Nacht vom 8. zum 9. August 1969, als Anhänger Mansons die schwangere Schauspielerin Sharon Tate – Freundin von Roman Polanski – und vier weitere Menschen ermordeten. Manson war selbst nicht an der Tat beteiligt, doch als Führer einer sektenähnlichen Kommune hatte er seine Anhänger dazu gebracht, diese Morde zu begehen. Er selbst gibt dies im Buch nur indirekt zu – macht sich zumindest Vorwürfe, dass er seine Anhänger nicht an den Taten gehindert habe. Er selbst sieht sich als "politischen Gefangenen", als Symbol für die Grausamkeit der 60er.
Es war Autorin Michal Welles ein Anliegen, diesem Mythos auf den Grund zu gehen. 20 Jahre lang beschäftigte sich die Journalistin aus Israel mit dem Schwerverbrecher, besuchte ihn im Gefängnis, baute eine enge Beziehung zu ihm auf. Es fällt einem manchmal schwer, die Maßstäbe zu verstehen, an denen sie ihn misst, wenn man zum Beispiel Fotos sieht, auf denen ihre kleine Tochter mit auf Gefängnisbesuch ist und wie bei einem lieben Opa auf seinem Schoß turnt. Das Verhältnis der beiden erinnert an die Romanfiguren Hannibal Lecter und Clarice Starling. Eine Mischung aus Vertrauen und "auf der Hut sein", ein wechselseitiges Geben und Nehmen.
Was Welles von Manson bekommt, ist seine Geschichte in eigenen Worten. Aus den Aussagen vieler Gespräche konnte sie ein Vermächtnis in Worte fassen, das anschließend von ihm autorisiert wurde. Das ist der erste Teil des Buches. Es folgen Gedichte, handgeschriebene Briefe, Skizzen und Fotos aus Mansons persönlichen Unterlagen, die das Geschriebene illustrieren.
Der letzte Teil widmet sich den juristischen Hintergründen von Mansons Verurteilung. In meinen Augen ein wichtiger Part, denn es sollte nicht vergessen werden, für welch bestialische Ritualmorde der Sektenführer verantwortlich war. Und es folgen Erinnerungen unterschiedlichster Zeitgenossen, um ein möglichst vielschichtiges Bild zu schaffen.
Michal Welles ist ein hervorragendes journalistisches Werk gelungen. Zu Beginn muss man Angst haben, dass sie selbst der Faszination des Bösen erlegen ist, doch dies relativiert sich im Lauf des Buches. Wer mehr über diesen Kriminellen erfahren möchte, der eines der dunkelsten Kapitel der Popgeschichte geschrieben hat, findet hier ein perfektes Werk, das kein eindeutiges Bild von schwarz und weiß zeichnet.