Patrick Humphries
Welchen Grund hat der Verfasser dieser Zeilen dieses Buch zu besprechen? Ein Buch, das zum Zeitpunkt seiner Rezension immerhin bereits gut dreieinhalb Monate alt ist. Nun, der Grund hat einen Namen: Tom Waits! Wessen Leben und künstlerisches Werk gelte es sonst mit einer ausführlichen Biografie zu würdigen, als das des kultgewordenen Sängers, Komponisten und Gelegenheitsschauspielers aus Kalifornien?! Und um es vorweg zu nehmen: Patrick Humphries ist mit "Die vielen Leben des Tom Waits" ein kleines Meisterwerk in Sachen Musikliteratur gelungen. Es ist nicht nur die erste umfangreiche Erzählung über diesen wahrlich legendären Mann, sondern (was noch viel wichtiger und vor allem schwieriger ist) sie wird ihm auch in jeglicher Hinsicht gerecht. Diese 380 Seiten sind ein literarischer Hochgenuß!
Das beginnt schon mit Humphries` wundervollem Wortwitz, der sich vom Prolog angefangen bis hin zum Epilog wie eine bunte Perlenschnur durch sein Buch zieht (andere nennen das den "roten Faden"). Beispiel gefällig? Bitteschön: "Waits ging dir unter die Haut und ließ dich dann alleine mit dem Juckreiz". Überhaupt verfügt Humphries über einen liebevoll-verschmitzten Schreibstil, der dem spröden Humor seines Protagonisten in nichts nachsteht. Gleichzeitig bewahrt er sich jedoch auch die nötige Distanz und spart nicht mit Kritik, etwa an Waits` Film und Album "Big Time" von 1988. So entsteht ein ebenso gründlicher wie ehrlicher Überblick über das Schaffen des Thomas Alan Waits (ergänzt durch zahlreiche Fotos und eine vollständige Discographie und Filmographie am Ende des Buches).
Gemäß des Titels entdeckt man in "Die vielen Leben des Tom Waits" immer wieder neue Seiten an dem inzwischen 58-jährigen. So war mir gar nicht mehr bewusst, dass Waits in solch grossartigen Filmen wie "The Outsiders", "Rumble Fish" oder "Bram Stoker`s Dracula" mitgespielt hat. Mein persönlicher All-Time-Favourite mit seiner Beteiligung ist übrigens nach wie vor Jim Jarmuschs Geniestreich "Down By Law" von 1986. Oder dass Waits 1987 das letzte Mal auf einer zusammenhängenden Tour war. Vor 21 Jahren also! Natürlich hat das seinem Status als Kultfigur bei Fans und Kollegen keinerlei Abbruch getan. So äußern sich im Buch auch nahezu alle von Rang und Namen voller Bewunderung über ihn. Angefangen bei Jack Nicholson, Bruce Springsteen oder Nick Cave über Keith Richards, Norah Jones oder Winona Ryder bis hin zu Bands wie U2, Coldplay oder Depeche Mode. Das britische Musikmagazin Mojo nannte Waits einmal den "Rembrandt der modernen Musik", Humphries bezeichnet ihn als "Kronprinz der Melancholie".
Tom Waits ist all das und noch mehr. Als Teenager eher ein Einzelgänger, erlebte er seine "Erleuchtung" 1962 bei einem Auftritt von James Brown & His Famous Flames. Im November 1970 stand er im Heritage Club von Los Angeles dann erstmals selbst auf einer Bühne. Für seinen endgültigen Durchbruch hat Humphries gleich drei mögliche Versionen zur Hand, was die oftmals etwas geheimnisvolle Aura von Tom Waits nur unterstreicht. Maßgeblich für seine Karriere war sicherlich der Einfluss von David Geffen, ebenso wie seine radikal veränderte Lebensweise ab 1979, als er dem übermäßigen Alkoholkonsum und den Zigaretten abschwor. Heute ist Tom Waits ein seit langem glücklich verheirateter dreifacher Familienvater. Das ist zwar bei jemand so herrlich kauzigem wie ihm nur recht schwer vorstellbar, sein Privatleben hält Waits aber ohnehin penibel von der Öffentlichkeit fern. Den künstlerischen Wendepunkt vollzog er 1983 mit dem Wechsel zu Island Records und dem anschließenden, prägenden Album "Swordfishtrombones". Es folgten bis heute weitere 16 Alben (manchmal mehrere in einem Jahr und einmal sechs Jahre lang garkeines) und seine Reibeisenstimme, die Humphries als "Müllpresse" oder "kaputtes Nebelhorn" bezeichnet, wird zu seinem unverwechselbaren Markenzeichen. Welchen Stellenwert er mittlerweile genießt, beweist unter anderem das "Waitstock"-Festival, eine "24-stündige Party, infiziert von Waitsitis", das seine amerikanischen Fans seit 2001 ihm zu Ehren veranstalten.
Würde man alle Anekdoten, die Patrick Humphries in seinem Buch zusammengetragen hat, im Rahmen dieser Besprechung erwähnen wollen, so würde das hier deutlich den Rahmen sprengen. Ab und zu schweift der Autor zwar etwas ab (zum Beispiel bei seinen Exkursen über Francis Ford Coppola oder Roy Orbison), aber das Porträt, welches er von Waits (im Kontext zur Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft) entwirft, ist von grossem Respekt geprägt, fundiert, unterhaltsam und macht einfach unwahrscheinlich grossen Spass zu lesen. Dazu gehört beispielsweise auch die erste Begegnung zwischen Tom Waits und Joe Strummer von The Clash. Eine der zahlreichen unglaublichen Geschichten in "Die vielen Leben des Tom Waits". Das letzte Wort gebührt Mark Everett, dem Chef der Eels: "Ich hoffe, ich werde in Würde altern wie Tom Waits. Er ist einer der wenigen, der immer Klasse haben wird... Er hat nicht dieses Mick-Jagger-Problem, bei dem alles, seitdem er ein gewisses Alter erreicht hat, einfach etwas dämlich aussieht". Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Willkommen in der wundersamen Welt des Tom Waits!