Slash mit Anthony Bozza
Zylinder, unter dem eine schwarze Lockenmähne hervorquillt, die wie ein Vorhang seine Augen verdeckt, Nasenring und Kippe im Mundwinkel, so kennt man ihn: Slash, für uns Gitarristen der eigentliche Frontmann von Guns N’ Roses. Und jetzt ist es endlich soweit: Auf mehr als 500 Seiten wird aus dem Nähkästchen geplaudert.
Dieser Trend, dass Rockstars ihr Seelenleben nach außen kehren, ist nicht neu, scheint sich jedoch - denkt man an Anthony Kiedis’ "Scar Tissue" oder an Lemmys "White Line Fever" - in den letzten Jahren zu einer Art Mainstream entwickelt zu haben. Dabei drängt sich dem geneigten Leser die Frage auf, wie diese Stars so talentiert sein können, dass ihnen das Schreiben einer Autobiographie mal eben so nebenbei gelingt. In Slashs Fall tritt an dieser Stelle Rolling-Stone-Autor Anthony Bozza auf den Plan, der bereits Eminem und Thommy Lee zu ihrer Biographie verholfen hat.
Das Buch verspricht Großes: Schon auf dem Cover wird der Leser in Kenntnis gesetzt, dass, auch wenn etwas übertrieben klingt, das nicht heiße, dass es nicht auch passiert sei. Und in der Tat wird man in dieser Richtung keineswegs enttäuscht. Lang und vor allem breit werden die einzelnen Stationen einer außerordentlichen Alkohol- und Drogenkarriere wiedergegeben ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Der Leser erfährt von der Affäre, die Slashs Mutter Ola mit David Bowie hatte, von Slashs früher Leidenschaft, der Kleptomanie, von seiner ersten Gitarre, die lange Zeit nur eine einzige Saite hatte, und jede Menge Details rund um den Aufstieg und Fall von Guns N’ Roses und den damit verbundenen Exzessen. Das Ganze ist von vorne bis hinten eindrucksvoll bebildert, zum größten Teil mit Schwarz-weiß Fotos, in der Mitte des Buches befindet sich ein umfassender Abschnitt mit Farbfotos.
Inhaltlich handelt es sich auf jeden Fall um eine Biographie, die Dinge ans Tageslicht zaubert, mit denen das Vorstellungsvermögen eines durchschnittlichen Musikkonsumenten durchaus auf eine Probe gestellt wird, und genau das macht ihren Reiz aus.
Die deutsche Version von Slashs Autobiographie ist im Rockbuch Verlag erschienen. Der Name des Verlags verspricht Gutes und Großartiges, jedoch ist die Enttäuschung immens: Die Übersetzung aus dem Englischen durch Bernhard Schmid ist verschult und so gar nicht Rock ’n’ Roll, dass einem auch nur halbwegs sprachgeneigten Leser das Kotzen kommt. Erschwerend hinzu kommt, dass das Lektorat durch das Ehepaar Kerkhoffs anscheinend in hohem Maße versagt hat oder nicht zur Kenntnis genommen wurde. An irgendeiner Stelle des Entstehungsprozesses der deutschen Version ist auf jeden Fall grob fahrlässig geschlampt worden. Ein Beispiel (Seite 71):
Wir blieben skeptisch, aber nach ein paar Stunden hatte sie die Party zum größten Happening von L. A. aufgebaut, und so packten wir unser Equipment und so viele Freunde wie Matts Pickup nur reingingen und fuhren zu unserem Gig. zum größten Happening von L.A. egann sie die Namen der Berühmtheiten fallen zu lassen, lernten, die uns fünfhundert MüDie Party fand in einem Haus statt, das zwei Fahrstunden von Hollywood entfernt lag […]
Sätze wie dieser sind leider keine Seltenheit. Auch bei der Rechtschreibung wurde ein hohes Maß an Phantasie an den Tag gelegt.
Vielen Dank, Rockbuch Verlag, für diese vorbildliche Arbeitsweise! Warum nennt ihr euch eigentlich nicht Rockbuch Ver-Lach?
Sollte irgendjemand den dringenden und durchaus nachvollziehbaren Wunsch verspüren, Slashs Autobiographie zu lesen, so möge er dies auf Englisch tun. Man kann dabei nur gewinnen.