Jürgen Zöller Selbst – Aus dem Leben des BAP-Trommlers

Thomas Zimmer

Veröffentlicht: 15.11.2008 / Bosworth Music GmbH

Von: Andreas Weist

Jürgen Zöller Selbst – Aus dem Leben des BAP-Trommlers

Zunächst muss ich mal alle enttäuschen, die hier ein 300 Seiten starkes Buch mit Insiderwissen und hintergründigen Geheimnissen um ihre Lieblingsband BAP erwarten. Wenn Jürgen Zöller auch als Schlagzeuger derselben deutschlandweit berühmt geworden ist, so beginnen die Episoden um die Kölschrocker doch erst ab Seite 175. Vorher widmen sich Zöller und sein „Ghostwriter“, Musikjournalist Thomas Zimmer, den biographischen Erlebnissen des Musikers, der über 40 Jahre deutscher Rock’n’Roll-Geschichte hautnah miterlebt hat und dessen Erzählungen darüber man auch gut mit „Von einem, der auszog, aus dem Kleinbürgertum auszubrechen...“ überschreiben könnte.

Stilistisch muss ich zunächst große Probleme meinerseits gestehen, dem Gedankenfluss zu folgen. Zu konfus und belanglos wirkt die Aneinanderreihung von Anekdoten zunächst, die sich dann aber irgendwann wie von Geisterhand zu einem Puzzle zusammenfügen und den Blick auf ein recht abenteuerliches Leben ziehen. Frei von der Leber weg berichtet Zöller von der Begegnung mit Max Greger, dem Plündern der Portokasse in der Firma, um eine Anlage für die erste eigene Band zu kaufen, die  Anfänge in der Rock’n’Roll-Band „The Gears“, die musikalische Evolution als Aushilfe bei Neil Landon. Den Duft des großen Abenteuers erschnuppert Zöller erstmals, als er Jimi Hendrix am Türsteher der hessischen „Beat, Beat, Beat“-Sendung vorbei hilft, als dieser dem Künstler aus Ignoranz den Einlass verweigern will.

Die Schattenseiten der Erzählungen haben fast schon satirischen Charakter, wenn wir erfahren, wie die „King Beats“, mit denen Zöller seinen ersten Plattenvertrag bekam, in den Berliner Hansa-Studios als „Ray Textor and the Strangers“ mit „Ein Traum der Liebe“ die legendäre deutsche Coverversion von „Sound Of Silence“ einspielten. Die Biographie des werdenden Rock’n’Rollers hat viel mit Ausprobieren, Mut zum Abenteuer und der alles beherrschenden Liebe zur Musik zu tun. Aber auch viele Elemente einer wiederkehrenden Konfrontation mit der Realität finden ihren Platz, beispielsweise wenn der selbsternannte Revoluzzer zum Wehrdienst kaserniert wird, dann ins Ausland flieht, bis die Bundeswehr plötzlich kein Interesse mehr an ihm hat.

Nach der Rückkehr aus dem Exil im Hippie-Paradies scheint die Crème de la Crème der erstarkten deutschen Szene nur auf den Drummer zu warten: Wolfgang Ambros, Rainhard Fendrich und Wolf Maahn zählen zu den Stationen der weiteren Karriere. Zöller sitzt bei „Skifoan“ an den Drums, hilft gar beim James Last Orchester aus und produziert den Megaerfolg „Erbarmen, die Hessen kommen“ für die Rodgau Monotones. Das würde reichen, um den Enkeln genügend Stories erzählen zu können. Doch dann kam BAP, wo Zöller seit 1988 die Stöcke schwingt.

Kaum zu glauben: Für die alteingesessenen BAP-Jünger der 80er ist der Schlagzeuger immer noch „der Neue“. Wohl da er zu einer Zeit in die Band kam, da das bekannteste Line-up aus den Glanzzeiten der Kölschrocker erste Auflösuingserscheinungen zeigte. Inzwischen ist er nach Niedecken das am längsten aktive Bandmitglied und übertrifft damit selbst Major, Effendi und Toningeneur Fonz. Hier durfte und darf er also Musikgeschichte schreiben, die Konzerttour in China miterleben, den schwierigen und dennoch virtuosen Neubeginn mit „Da capo“ mitgestalten, sich über die seelenlos produzierte Live-CD „Affrocke“ aufregen. Die Differenzen mit Gitarrero Klaus Heuser sind greifbar – nur dezent ausgesprochen, zwischen den Zeilen aber häufig herauszulesen. Also nix mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ und „Trennung im Guten“? Zumindest bekommen die BAP-Fans doch noch ihre Portionen Hintergrundwissen. Die Biographie schlägt den Bogen in die Jetztzeit und endet mit „Radio Pandora“. Aktualität ist also gewährleistet.

Zimmer und Zöller erzählen spannend, leider zu oft mit Gedankensprüngen, die im ersten Moment nicht nachvollziehbar sind. Der Rhythmus des Schlagzeugers ist halt schnell. Man muss sich drauf einlassen – und bekommt dann eine schöne Lektüre und einen spannenden Zeitvertreib. Vielleicht kann man gar BAP im Anschluss mit anderen Augen sehen. Ich für meinen Teil werde einige der aktuellen Alben mal wieder hervorkramen, die seit Jahren ein Schattendasein in meiner Sammlung fristen.

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