Für ne Moment

Wolfgang Niedecken (mit Oliver Kobold)

Veröffentlicht: 09.03.2011 / Hoffmann und Campe Verlag GmbH

Von: Thomas Kröll

Für ne Moment

Den Umschlag von "Für ne Moment" ziert eine Porträtaufnahme Wolfgang Niedeckens, geknipst von seiner Frau Tina. Das inzwischen angegraute, aber immer noch lange Haar lugt unter einem weißen Hut hervor. Sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Vielleicht in die Zukunft. Er sieht entschlossen aus. Am 30. März wird dieses Gesicht, das mittlerweile auch außerhalb Kölns fast jeder kennt, 60 Jahre alt. Wolfgang Niedecken ist Maler, Musiker, vierfacher Vater und verbindet seit den Anfängen von BAP künstlerischen Anspruch mit politischer Wachsamkeit und humanitärem Engagement. An seinen Songs haften zahllose Erinnerungen, sie sind bis heute der Soundtrack für so manche unserer eigenen schönen wie weniger schönen Erlebnisse geblieben. So waren BAP die erste Band, deren Konzert ich 1984 in Bad Hönningen ohne elterlichen Begleitschutz besuchen durfte. Oder das von der 83er Besetzung signierte "BAP övver BAP"-Exemplar, das mir damals irgendein Geistesgestörter aus dem Auto klaute. 2005 führte ich dann das erste Interview meines musikjournalistischen Lebens mit Wolfgang Niedecken, der mir innerhalb von fünf Minuten jegliche Nervosität und Scheu nahm und über eine Stunde lang all meine Fragen geduldig beantwortete. Dafür bin ich ihm noch immer dankbar.

Nun hat er zusammen mit Oliver Kobold seine Erinnerungen aufgeschrieben. 524 prall gefüllte Seiten sind daraus geworden. Niedeckens Autobiographie beginnt mit der Zeit in New York als Assistent von Larry Rivers und endet in der Kölner Südstadt, von wo aus er mit BAP Ende der 70er Jahre seinen Siegeszug startete. "Als ich meinen Vertrag mit der Zukunft unterschrieben hatte, war mir bewusst gewesen, was ich tat. Ich hatte akzeptiert, dass die Selbstzweifel, die Ratlosigkeit und die Stunden in Finsternis ebenso dazugehörten wie die kostbaren Augenblicke, die einem großes Glück schenkten (...)", bilanziert er und beschämt ganz nebenbei noch den Autor dieser Zeilen, der ihm in der Vergangenheit so manches Mal "Gutmenschentum" vorgeworfen hat: "Die Arme vor der Brust zu verschränken und sich in Zynismus zu flüchten, weil man nicht in der Lage oder zu feige ist, selbst aktiv zu werden, ist nicht nur die bequemere, sondern auch die angesehenere Variante". Sein Buch sollte selbst dem letzten Zyniker deutlich machen, dass Niedecken nicht nur 1992 mit dem "Arsch huh, Zäng ussenander"-Konzert gegen Rassismus und Fremdenhass, sondern insbesondere als Sonderbotschafter der Hilfsaktion "Gemeinsam für Afrika" und dem Projekt "Rebound", das frühere Kindersoldaten in Uganda unterstützt, grossartige und vor allem nachhaltige Arbeit leistet. Er hat Erschütterndes zu berichten.

Daneben bildet natürlich die wechselvolle Geschichte von BAP einen der Kernpunkte in "Für ne Moment". Die Anfänge in einem Proberaum in Hersel bei Bonn, die erste LP mit der von Hand aufgeklebten Dompostkarte, Tourneen im In- und Ausland (bis nach China zwar, jedoch nicht bis in die ehemalige DDR), legendäre Auftritte, etwa als Support für die Rolling Stones im altehrwürdigen Müngersdorfer Stadion, die Grabenkämpfe mit Gitarrist Klaus "Major" Heuser, der 1999 aussteigt und die anschließende künstlerische Neuorientierung der Band, die im demnächst veröffentlichten 17. Album "Halv su wild" ihren vorläufigen Höhepunkt finden wird. Nicht zu vergessen Niedeckens Solowerke "Schlagzeiten" (1987), "Leopardefell" (1995) sowie "Niedecken Köln" (2004), mit denen er seinen musikalischen Helden Bob Dylan oder Bruce Springsteen huldigt. Er lässt uns an Treffen mit diesen beiden teilnehmen, ebenso wie an Begegnungen vieler anderer Persönlichkeiten. Angefangen bei Heinrich Böll über Horst Köhler bis hin zu Wim Wenders, in denen Niedecken teilweise genauso nervös und aufgeregt ist wie ich vor sechs Jahren. Ein ums andere Mal verfällt er dabei in den kölschen Dialekt, was die Lektüre sehr vergnüglich macht und Figuren wie "Honce", "Mötz" oder "Kalau" wieder auferstehen lässt. Wolfgang Niedeckens Beziehung zu Köln ist von tiefer Zuneigung geprägt, die mit einer liebevoll-kritischen Distanz eine alltagserprobte Allianz eingeht und die oftmals so von sich selbst überzeugte Domstadt samt ihrer Bewohner wieder zum "Millionendorf am Rhing" (gesund-)schrumpfen lässt.

Gemeinsam mit Wolfgang Niedecken begeben wir uns auf Spurensuche in seiner Kindheit und Jugend. Zum Lebensmittelladen seiner Eltern, dem Chlodwigplatz als Nabel der Welt, später nach Rheinbach, wo er neun lange Jahre ein katholisches Internat mit grenzwertigen Erziehungsmethoden besuchte. Wir lernen zu verstehen, warum sich Vater und Sohn auseinanderleben, eine Erfahrung die Niedecken in "dem" BAP-Song schlechthin "Verdamp lang her" verarbeitete und so mit der Vergangenheit Frieden schloß. Zahlreiche Fotos dokumentieren nicht nur diese Phase seines Lebens, sondern sorgen darüberhinaus immer wieder für eine willkommene Auflockerung von "Für ne Moment". Selbstverständlich wäre Niedecken nicht Niedecken, wenn er nicht auch die ein oder andere Lebensweisheit parat hätte. Beispiel gefällig? "Trost ist immer nur so weit wie die nächste Jukebox entfernt". Stimmt auffallend. Was es mit den bekifften Ameisen auf sich hat oder wie der 1. FC Köln mit 6:0 gegen die Bayern gewann, das müsst ihr allerdings selbst herausfinden...

Oliver Kobold hat all dies und noch viel, viel mehr in Worte gegossen. Er ist dabei nicht chronologisch vorgegangen und vollzieht ein paar Handlungssprünge, die Konzentration erfordern. Einige Längen hat "Für ne Moment" zugegebenermaßen ebenfalls. In erster Linie ist ihm damit aber ein spannender und gleichzeitig bedrückender, unterhaltsamer wie nachdenklicher Entwicklungsroman des Musikers und Menschen Wolfgang Niedecken geglückt, der uns ohne eitles Getue hautnah an ihn heranlässt und ihn stellenweise in einem neuen, bisher unbekannten Licht darstellt. Vor jedem Konzert verneigt sich die Band vor dem "BAP-Altar", der neben allerlei Krimskrams auch ein Foto der "Heiligen Drei Könige des Rock`n`Roll", Ron Wood, Bob Dylan und Keith Richards enthält und trinkt einen Grappa auf einen gelungenen Abend. Ich verneige mich hiermit vor Wolfgang Niedecken und Oliver Kobold und ihrem gelungenen Buch. Allerdings lieber mit einem Glas Kölsch...

 

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