Woodstock - Wunder oder Waterloo?

Jörg Gülden

Veröffentlicht: 01.06.2009 / Hannibal-Verlag

Von: Thomas Kröll

Woodstock - Wunder oder Waterloo?

Im August jährt sich das legendäre Woodstock Music And Art Festival zum 40. Mal. Man darf mit Sicherheit jetzt schon davon ausgehen, dass die Industrie dieses Jubiläum gebührend "feiern" wird. Dann werden sich auch all jene wieder zu Wort melden, die damals in Bethel/New York ganz vorne dabei gewesen sein wollen, selbst wenn sie zu diesem Zeitpunkt in Wirklichkeit noch mit der Windel um den Weihnachtsbaum gelaufen sind. Jörg Gülden hat deshalb genauer hingeschaut und seine Sicht der Dinge in "Woodstock - Wunder oder Waterloo?" (Untertitel: "Eine Abrechnung von Jörg Gülden") zusammengefasst. Er hat dafür Dutzende der Woodstock-Akteure interviewt und die haben ihm ein teilweise gänzlich anderes Bild vom "Mythos Woodstock" in den Recorder diktiert. Zu Wort kommen Musiker, Manager, Plattenfirmen-Vertreter, Fans und ein, naja, nicht ganz so glücklicher Mensch, der die Tage vom 15. bis 17. August 1969 tatsächlich vor Ort erlebt hat.

Kurzer Exkurs für alle Spätgeborenen: In diesen besagten drei Tagen traten insgesamt 32 Bands und Solokünstler auf, vorwiegend aus den Musikrichtungen Folk, Rock, Soul und Blues. Darunter bis heute klangvolle Namen wie Joan Baez, Creedence Clearwater, Grateful Dead, Janis Joplin, Santana, The Who, Joe Cocker, Jimi Hendrix, Ten Years After und und und... Auf dem Festivalgelände herrschten chaotische Zustände. Rund eine Million Fans (sprich Hippies) machten sich auf den Weg dorthin, die Hälfte von ihnen blieb jedoch in den verstopften Zufahrtswegen stecken und wurde von der Polizei wieder nach Hause geschickt. Letztlich waren es über 400.000 Besucher, die das Festival trotzdem erreichten. Verpflegung und medizinische Betreuung musste ebenso wie die Musiker mit Hubschraubern eingeflogen werden. Der Rest ist Musikgeschichte. 1994 gab es dann noch "Woodstock II" in Saugerties, New York zum 25-jährigen Jubiläum sowie "Woodstock III" 1999 in Rome, New York zum 30. Geburtstag des Ursprungs-Festivals.

Aber was war Woodstock denn nun wirklich? Das grösste Festival aller Zeiten? Die grösste ungeplante Schlammschlacht aller Zeiten? Oder einfach nur der grösste, mit Musik getarnte Hype aller Zeiten? Jörg Gülden versucht auf 255 Seiten darauf in der ihm eigenen Art eine Antwort zu finden. Wie die ausfällt, soll an dieser Stelle allerdings nicht verraten werden. Bestechend dabei sein lockerer Schreibstil. Amüsant und stets mit einem ironischen Unterton berichtet er von den Planungen, Vorbereitungen und der Durchführung des Festivals, das schließlich im allgemeinen Kollaps mündet. Alleine die Schilderung der Suche nach einem geeigneten Gelände (garniert mit allerlei Anekdoten von Pete Best, dem Direktor der Beatles Firma Apple Corp.) ist den Kauf dieses Buches wert. Nebenbei beschreibt Jörg Gülden seine eigene musikalische Sozialisation. Er nimmt die verqueren Moralvorstellungen der Amerikaner ebenso aufs Korn wie etwa Stephen Stills, dessen Treffen er als extreme persönliche Enttäuschung erlebt. Fast beiläufig setzt er Woodstock dabei in Zusammenhang mit der Psyche und Hybris der in rückblickender Verklärung gelobten Sechziger Jahre. Nach und nach zeichnet er so das Bild eines Festivals, das von all dem, was am Anfang dieses Absatzes gefragt wurde, wohl etwas war. Von dem einen mehr (Schlamm), von dem anderen weniger (Musik). Insgesamt ist "Woodstock - Wunder oder Waterloo?" ein überaus interessantes und kurzweiliges Lesevergnügen geworden, das durch zahlreiche Abbildungen aus der Ausstellung "40 Jahre Woodstock" (zusammengestellt vom Dokumentationszentrum für Popkultur dokpop in Köln) sowie eine umfangreiche Woodstock-Bibliographie abgerundet wird.

Jörg Gülden selbst war Musikjournalist bei "Sounds" und jahrelang Chefredakteur der deutschen "Rolling Stone"-Ausgabe. Gemeinsam mit Klaus Humann initiierte er die Buchreihe "Rock Session". 1995 bekam Gülden den Echo als "Medienmann des Jahres". In den vergangenen sieben Jahren arbeitete er als freier Autor und Übersetzer in Hamburg. Leider hat er die Veröffentlichung seines Buches nicht mehr miterleben dürfen. Jörg Gülden starb am 8. Mai 2009 im Alter von 64 Jahren an den Folgen einer Hüftoperation. 

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