Yoko Ono - Talking

Nick Johnstone

Veröffentlicht: 01.02.2008 / Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag GmbH

Von: Thomas Kröll

Yoko Ono - Talking

Erstaunlich wie die Zeit vergeht. Yoko Ono wird in diesem Jahr 75 Jahre alt. Irgendwie hat man sie doch immer so vor Augen, wie sie auch auf dem Buchcover abgebildet ist, oder?! Seltsam alterslos. "Es scheint mir, dass Alter das ist, was man daraus macht. Man sagt, dass Zeit ein von Menschenhand geschaffenes Konzept ist. Wenn man es also nicht erschafft, dann gibt es das nicht", hat die gebürtige Japanerin einmal gesagt. Und nach dieser Devise gestaltet sie auch ihr Leben. Yoko Ono ist mehr als "nur" die Witwe von John Lennon. Sie ist Konzeptkünstlerin, Geschäftsfrau, Feministin und Pazifistin in einer Person. Zweifellos hat sie John Lennon aufrichtig geliebt (genauso wie er sie) und im Gegensatz zu manch anderer weiblicher Hinterbliebener verwaltet sie seinen Nachlaß äußerst ehrenvoll.

In den vergangenen Jahren habe ich sie im Zuge einiger Buchrezensionen über John Lennon ("Die Jahre in New York" oder "Erinnerungen an John Lennon") besser kennen- und vor allem verstehen gelernt. Sie ist eine ebenso starke wie sensible Frau. Etwas abgedreht vielleicht. Aber wer ist das nicht? In den Neunziger Jahren wurde Yoko Ono von Kollegen wie Björk, Sonic Youth, Tricky und der DJ-Szene wiederentdeckt und im Alter von 70 Jahren führte sie mit ihrem Remix von "Walking On Thin Ice" sogar die amerikanischen Billboard-Dance-Charts an. Das soll ihr erstmal eine(r) nachmachen.

Anlässlich ihres 75. Geburtstages am 18. Februar erscheint nun im Berliner Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag "Yoko Ono - Talking". Auf knapp 200 Seiten hat der renommierte Londoner Musikjournalist Nick Johnstone (u.a. The Observer, The Times, Melody Maker und Mojo) Originalzitate dieser ungewöhnlichen Frau gesammelt und lässt sie so ihr bisheriges Leben und Schaffen quasi mit eigenen Worten erzählen. Außerdem äußern sich ihre Kinder Sean und Kyoko, Julian Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr, Klaus Voormann und viele weitere. John Lennon natürlich auch. Wie alle Bücher dieser Reihe (so gibt es bei Schwarzkopf & Schwarzkopf weitere Werke über Marilyn Manson, Lou Reed, Led Zeppelin, Metallica oder Ozzy Osbourne) ist "Yoko Ono - Talking" reichhaltig illustriert und nicht nur aufgrund des realistischen Preises von 14,90 EUR definitiv den Kauf wert.

Auch wenn das Lesen aneinandergereihter Zitate zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig ist, erschließt sich im Verlaufe der Lektüre ein faszinierender und spannender Einblick in das Seelenleben einer wirklich beeindruckenden Person. Nicht zu Unrecht ist Yoko Ono für viele Frauen (und Männer?!) inzwischen zu einer Art Vorbild geworden. Sei es in ihrer Interpretation der Mutterrolle, ihrem erfolgreichen beruflichen Weg oder als stets kritischer Geist gesellschafts- und weltpolitischen Entwicklungen gegenüber. Das Buch macht allerdings auch deutlich, dass es bis zu diesem Status ein langer und harter Weg war.

Denn sehr lange haftete Ono das Etikett an, sie habe die Beatles zerstört. Blanker Hass schlug ihr entgegen. Dabei hatte John Lennon spätestens 1972 mit dieser Mär eigentlich bereits aufgeräumt. Johnstone`s Buch schildert ihre erste Begegnung mit John, das weitere Leben an seiner Seite, unter anderem mit dem berühmten Amsterdamer Bed-In von 1969, ihre Hochzeit und vorübergehende Trennung (das sogenannte "Lost Weekend"), die Geburt von Sean, ihre gemeinsamen Alben bis hin zum tragischen Tod Lennons im Dezember 1980. Die schwere Zeit danach (das für mich persönlich intensivste aller Kapitel) und den Neubeginn als eigenständige Künstlerin und Kämpferin für die Umwelt oder die Gleichstellung der Homosexuellen. Johnstone beleuchtet ihr Verhältnis zu den McCartneys (das besser ist als angenommen) und zu Julian Lennon (das schlechter ist als angenommen) ebenso wie die Schattenseiten aus Drogenkonsum und der Scheidung von ihrem ersten Ehemann. Er setzt die einzelnen Mosaiksteine derart gekonnt zu einem einfühlsamen Porträt zusammen, dass der Leser am Ende vor Yoko Ono nur noch respektvoll den imaginären Hut ziehen kann.

"Der einzige Weg, die Welt zu ändern, ist, etwas in den Köpfen zu ändern. Wenn die Macher von Coca-Cola jeden auf der Welt dazu bringen können, Coca-Cola zu trinken, warum können wir dann nicht das Gleiche tun", bringt es Yoko Ono auf den Punkt und dieser Satz drückt viel von ihrem Selbstverständnis aus. Also setzt sie ihr eigenwilliges Lebenswerk auch mit 75 Jahren unvermindert fort. Aktuell unterstützt sie die "Make Some Noise"-Kampagne von Amnesty International, deren Kernstück die gleichnamige Doppel-CD mit exklusiven Coverversionen von John Lennon-Songs ist. Yoko Ono überließ Amnesty dafür die Nutzungsrechte an seinem kompletten Backkatalog (weitere Infos dazu findet ihr hier). Vom 24.08. bis 16.11. findet in der Kunsthalle Bielefeld unter dem Titel "Between The Sky And My Head" eine Retrospektive ihrer konzeptuellen Kunstideen statt. Was immer sie danach auch tun wird, man darf wohl getrost das Unerwartete erwarten. Ihr Einsatz und Engagement sind schon fast bewundernswert. "Das Leben ist so wunderschön, dass es schwer ist, es nicht zu lieben", lautet der letzte Satz des Buches. In diesem Sinne: Happy Birthday, Yoko Ono!

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