Acapulco

Seit nunmehr 25 Jahren nehmen die 6-Zylinder aus Münster eine Sonderstellung unter den professionellen deutschen A-cappella-Gruppen ein. 1989 haben sie mit ihrem ersten Studioalbum „Vokal total“ die A-cappella-Szene revolutioniert, da zum ersten Mal poppige und rockige Songs als Grundlage für chorische Arrangements verwendet wurden. Seitdem haben sie eine Reihe verschiedener Programme aufgeführt, die sich immer an bestimmten musikalischen Richtungen orientierten. Sei es „Zwing, Zwang & Sohl“ mit souligen Klassikern, „Brunftzeit“ mit fetzigen deutschen und englischen Beziehungsliedern oder „.singen“ mit einem eher getragenen, zum Teil französischsprachigen Repertoire.
Ohne die 6-Zylinder im Westen und Die Prinzen im Osten wäre der heutige überregionale Erfolg von Bands wie den Wise Guys, Basta und Viva Voce gar nicht möglich gewesen. Gemeinsam waren sie Wegbereiter für eine Wiedergeburt der A-Cappella-Musik, die in Deutschland seit den Comedian Harmonists eine sehr lange Tradition hat. Doch auch die 6-Zylinder kommen in die Jahre und waren kürzlich etwas krisengeschüttelt. Nach Winne Voget verließen auch dessen Ersatzmann Marco A. Billep und Gründungsmitglied Tilo Beckmann die Band. Vor allem der Weggang des Countertenors hinterlässt eine große Lücke im Volumen der Gruppe. Doch Thomas Michaelis, Jos Gerritschen und Ausnahme-Bass Henrik Leidreiter machen unverzagt weiter, konnten zur Freude der Fans Winne Voget zurückgewinnen und haben mit Matthias Ortmann („Yellow and Green“) adäquaten Ersatz für die Beatbox gefunden. So treten die Zylinder erstmals als Quintett auf, ohne dabei jedoch ihren Namen zu ändern. Ein 6-Zylinder-Motor und fünf Räder – auch das passt irgendwie zusammen.
Das neue Programm trägt den Titel „Acapulco“. Dies erklärt Henrik live gerne so: „Viele Menschen sagten zu uns, ihr macht doch so Acapulco. Gesang ohne Musik. Das Programm ist ein Kompromiss. Wir nennen unser Programm Acapulco, dafür sagt ihr nicht mehr, dass es keine Musik ist.“ Denn die 6-Zylinder machen Musik. Daran besteht kein Zweifel. Und wer sie live erlebt, der spürt, dass sie immer noch zu Recht den Ruf als Pioniere der deutschen A-cappella-Musik tragen.
Die Acapulco-CD enthält 17 Songs, die noch in der Besetzung mit Tilo, Nici und Marco eingesungen wurden. Man beginnt mit einem Intro, dass ein echtes Orchester beim Instrumente-Stimmen ertönen lässt. Dann zeigt schon der erste Song „Mexico“, dass es auch ohne Instrumente geht. Der Opener steht ganz im Zeichen von Acapulco (der mexikanischen Stadt im Pazifik) und es werden ausnahmsweise dezent eingesetzte Rhythmusinstrumente genutzt. Dazu gibt es aber ein intelligentes sechsstimmiges Arrangement mit deutlicher Basslinie und einem hervorragenden Nicolas Leibel am Sologesang, der das Original der Les Humphries Singers auf unnachahmliche Weise interpretiert. Es folgt das spanische „A Dios Le Pido“ des Kolumbianers Juanes, das Marco schön akzentuiert und bei dem er sich große Mühe um eine deutliche Aussprache gibt. Das vielfältige lateinamerikanische Instrumentarium wird ausschließlich mit dem Mund erzeugt.
Schon zu Beginn fällt die saubere Produktion auf. Die Sänger erzeugen einen glasklaren Sound und es macht Spaß, sich den Longplayer über Kopfhörer anzuhören. Das Ausscheiden von Tilo ist in den Höhen sicher ein großer Verlust für die Band. Wie bei dem spanischen Song erzeugt er auch im darauffolgenden „Change The World“ eine ganz besondere Stimmung. Dazu fällt Jos mit wunderschöner Melodielinie ein. Der Clapton-Song liegt ihm sehr und wird in seiner Reinheit zu einem Ausnahmestück, das den Zylindern so schnell keiner nachmacht. Dazu kommen ein perfekt imitierter Beckenklang und eine entspannte Basslinie.
„Der Kartoffelbauer“ bringt mit Thomas Michaelis an den Lead-Vocals einige Comedy-Elemente ins Geschehen, für die die Liveshow der Zylinder schon seit Jahrzehnten berühmt ist. Hier geht es in Anlehnung an Stings „English man“ um einen Westfalen, der sich fragt „Wat soll ich in New York?“ Als Solist glänzt der Sänger mit der genialen Mimik – in Insiderkreisen „Das Gesicht“ genannt – auch bei dem an die Blues Brothers angelehnten Song „Heidi“, der „die Story von Heidi dem Model“ erzählt. Klar, es geht um Heidi Klum. Wenn Thomas das Hauptmikro übernimmt, kommt zwangsweise ein parodistisches Element in den Song, auch bei durchaus ernstgemeintem Liedgut wie dem Nat King Cole-Klassiker „Straighten Up And Fly Right“.
Gerade bei Stücken wie dem letzterem ist momentan die Singer- / Songwriter-Attitüde der Zylinder bemerkenswert. Während die A-cappella-Szene sich aktuell sehr auf den Pop-Rock-Bereich konzentriert, könnten die Jungs aus Münster hier einen neuen Trend setzen. Das ist ihnen damals auch mit den Silberlingen zu „Brunftzeit“ und „.singen“ mehr als deutlich gelungen. Bei „Acapulco“ überwiegen jetzt plötzlich harmonische, songorientierte Stücke mit sanfter Gesangsstimme. Da wäre beispielsweise „The Voice“ Jos, der Springsteens „Hungry Heart“ zum Träumen schön einsingt, daneben das mit Country-Elementen versehene „One More Ride“, ein fein interpretiertes „Under The Moon Of Love“ und vor allem das Stück „Find the cost of freedom“ von Crosby Stills Nash & Young – ein getragenes, chorisch gesungenes Lied ganz ohne Rhythmus-Effekte, das sich im Lauf des Songs immer breiter aufbaut. Live wird es gern zum Konzerthöhepunkt, den die sechs (oder inzwischen fünf) Mitstreiter auf ungewöhnliche Weise vortragen, indem sie sich auf der Bühne im Kreis zusammenstellen und gegenseitig ansingen.
Ein weiteres Highlight ist der Song „Das Spiel“, im Original von Annett Louisan, jetzt aber aus Männersicht textlich ganz neu gedeutet. „Wir wolln doch nur spieln“ wird polyphon und recht naiv eingesungen – und bekommt mit „wir wolln doch nur spüln“ zum Schluss eine unerwartete Kehrtwendung. Ein weiteres deutsches Stück „Damenwahl“ ist die einzige Eigenkomposition des Albums. Vor Jahren ist mit Winnes „Roberto Blanco“ schon einmal ein gelungenes selbst verfasstes Stück interpretiert worden. Es steht den Zylindern nicht schlecht zu Gesicht, sich auch auf dieses Feld zu wagen. „Ja, Schatz!“ ist ein Stück des Kabarettisten Bodo Wartke, das der tiefe Bass Henrik einsingt – hier allerdings mit relativ hoher Baritonstimme. Der morbide Song eines Mannes, der zuhause böse unterm Pantoffel steht. Henrik interpretiert das Lied als Moritat mit vielen erzählerischen Elementen.
Mit dem beschwingten Wintersong „Kleiner weißer Schneemann“ ist ein letzter deutschsprachiger Titel zu finden. Anschließend verwurstet Jos dann gemeinsam mit Marco den Jennifer Lopez-Heuler „Lets get loud“ zum teils deutschen „Jetzt wird’s laut“. Das Album bietet eine umfangreiche Zusammenstellung dessen, was ohne Instrumente so alles möglich ist. Als Hidden Track hat es aber John Denvers „Thank God I’m A Country Boy“ in den Bonusbereich gepackt. Ausnahmsweise mit Instrumenten eingespielt. Denn auch in der Liveversion werden Rasenrechen, Schippe und Klappstühle regelmäßig zur Rhythmusbegleitung eingesetzt. Für die CD-Version wird gar das komplette Repertoire der Countrymusik aufgefahren: Westerngitarre, Country Fiddle, Western Harp sowie natürlich Banjo und Mandoline. Die vielseitigen Sänger und Musiker spielen einige Instrumente selbst, haben sich aber zur Verstärkung noch Ernie Rissmann, Valentin Gregor und Dieter Steffan mit ins Boot geholt.
Abschließend bleibt zu sagen: Die 6-Zylinder werden auch weiterhin zur Speerspitze der deutschen A-cappella-Musik gehören. „Totgesagte leben länger“, heißt es doch so gerne. Ich kann jedem Gesangsbegeisterten nur empfehlen, ein Konzert der aktuellen Tour zu besuchen und sich von den immer noch vorhandenen Qualitäten zu überzeugen. Die CD vermittelt allerbeste Eindrücke, ist aber in den gängigen CD-Shops noch nicht gelistet. Schaut mal auf http://www.6-zylinder.de/, da könnt ihr das Teil käuflich erwerben.