Traffic

Recht überraschend flattert mir da ein Leckerbissen für Freunde gepflegten Retro-Pops ins Haus. Die New-Romantic-Popper ABC wurden 1980 gegründet und hatten ihre großen Erfolge allesamt in den 80ern. Obwohl es noch hier und da ein Output in den 90ern gab, ist es doch seit über zehn Jahren sehr ruhig geworden um die ursprünglich fünf Jungs aus Sheffield. Und auch wenn es zunächst ein Bandprojekt mehrerer bekannter Künstler war, so übernahm der charismatische Sänger Martin Fry doch recht schnell die Zügel in die Hand und wurde durch die charismatische Stimme mit hohem Wiedererkennungswert schnell zum Aushängeschild der Truppe. Auch beim achten Studioalbum zieht Fry alle Fäden und fungiert neben David Palmer als Produzent.
Die Musik von ABC pendelte immer irgendwie zwischen Roxy Music und David Bowie. Wichtigster Output ist und bleibt das Debüt „Lexicon Of Love“ aus dem Jahr 1982, das mit dem Singlehit „The Look Of Love“ den Dancefloor beherrschte und von retro-enthusiastischen DJs auch heute noch sehr gerne ausgepackt wird. Fünf Jahre später schwammen in der Erfolgswelle „When Smokey Sings“ und „The Night You Murdered Love“ mit. Beachtliche Erfolge eigentlich – wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit die poppigen Dancehits schon auf dem absteigenden Ast waren. So war es nötig, nach den Longplayern „Up“ und „Abracadabra“ eine Pause bis zum 97er-Album „Skycrapping“ zu machen, das aber ebenfalls auf wenig Beachtung. Erst im Zuge einer Best-Of-CD 2001 gab es mit „Peace And Tranquility“ wieder einen kleinen Radiohit, der Fry vielleicht zu neuen Taten beflügelte.
„Traffic“ ist auf den ersten Blick natürlich ein Synthie-Pop-Werk geworden und damit so Retro wie man es nur erwarten konnte. Dennoch beschreitet man bewusst auch andere Pfade: „Sixteen Seconds To Choose“ kommt beispielsweise erstaunlich rockig daher. Da es der Opener ist, eine recht mutige Entscheidung. Ab „The Very First Time“ gibt es dann wunderschön entspannte Melodien, unterlegt mit Samples und insgesamt sehr keyboardlastig. Fröhliche Ohrwürmer, wie man sie seit den 80ern von Fry gewohnt ist.
Frys Stimme kling sanft und wohltönend wie eh und je. Zu vermutende Alterserscheinungen sind anscheinend spurlos an dem Engländer vorübergegangen. Textlich geht es, wie der Sänger selbst sagt, „um die Reisen, die der Mensch heute macht, von Land zu Land, durchs Internet, im zwischenmenschlichen Umgang und von der Vergangenheit zur Gegenwart und in die Zukunft.“ Mit diesem Konzept ist ABC ein Album gelungen, das so auch vor zwanzig Jahren erschienen sein könnte. Ich höre Spandau Ballet und in mutigeren Passagen auch Anklänge von Depeche Mode und Duran Duran heraus. Das ganze verpackt in wohlige Melodien unterlegt mit Streichern und Pianoklängen („Love Strong“). Die experimentelleren Stücke wie „One Way Traffic“ und „Way Back When“ haben in ihren rhythmischen Spielereien durchaus reizvolle Momente. Fry ist nicht durchgehend auf der sicheren Schiene gefahren, sondern versucht eine Weiterentwicklung des Sounds.
Als Anspieltipp empfehle ich mal das eingängige „Validation“. Wer Lust auf eine kleine Zeitreise zu seinen 80er-Heroen hat, wird hier sicher nicht enttäuscht.