Gadje

Was kann man wohl von einer deutschen Formation erwarten, die sich Absinto Orkestra nennt und laut Pressetext "balkan-schwangeren Ethno-Jazz" macht? Wie ich mich auf ihrem aktuellen Album "Gadje" überzeugen konnte, verbirgt sich hinter dieser etwas sperrigen Formulierung einfach mitreißend feurige Tanzmusik, die von den Melodien und Rhythmen der Sinti und Roma inspiriert ist.
Mit dem Titel ihrer neuen CD beweisen die fünf Musiker eine gewisse Selbstironie, denn "Gadje" nennen die Sinti und Roma all jene, die nicht zu ihnen gehören – wie eben auch alle Bandmitglieder um den Initiator Stefan Ölke. Diese haben aber den Geist und die Emotionalität der Musik aufgenommen und auf ihre eigene Art transformiert. So haben sie zwar einige traditionelle Stücke im Repertoire, die meisten Titel sind jedoch selbst komponiert. Neben tollen, in die Beine gehenden Instrumentalstücken wie "Fata Morgana" und "Glückliche Hühner" setzt das Absinto Orkestra verstärkt auch auf Gesang. Die deutschen Texte aus der Feder von Bassist Hans Bender verbinden sich erstaunlich gut mit den osteuropäischen Rhythmen. Mal wird über den Lauf der Zeit philosophiert wie in "Wohin die Reise geht" oder "Komme was da wolle", mal über Gefühle wie in "Stadt der Liebe" oder "Männer" – und immer ist bei aller Melancholie auch eine Prise Humor dabei.
Besonders faszinierend ist das Instrumentalstück "Baina Banal" mit seiner einfachen Melodie, das sich vom Mandolinen-Pizzicato über ausdrucksvolles Geigenspiel von Jolly Reinig bis zu einem bombastischen Finale mit Blaskapelle und Marschrhythmus entwickelt. Und auch das traditionelle "Misirlou" wird sehr fantasievoll interpretiert. Die Grundbesetzung besteht aus Gitarren, Geige, Bass und Percussion, einige Gastmusiker unterstützen aber die Gruppe und ermöglichen die große Klangvielfalt bei den Arrangements. Die mit Paddy goes to Holyhead bekannt gewordene Geigerin Almut Ritter hat für das Absinto Orkestra mit "Irish Coffee" sogar ein eigenen Stück geschrieben und beweist, dass es musikalisch gar keine so weite Reise vom Balkan bis nach Irland ist.
Die Musik des Absinto Orkestra geht in die Beine und ins Herz. Live entwickeln die fünf Musiker wahrscheinlich noch mehr Feuer und bringen ihr Publikum so richtig in Bewegung – wer das erleben will, hat z.B. am 6. Mai auf der Post-Release Party im Studihaus in Mainz dazu Gelegenheit. Mit dem Album "Gadje" kann sich aber jeder Folk-Fan schon mal ein bisschen Gipsy-Feeling ins Wohnzimmer holen.