Black Ice

Wie sehr die Welt auf das Comeback von AC/DC gewartet hat, wurde bereits Anfang Oktober offensichtlich. Da nämlich startete der Vorverkauf für ihre sieben Deutschland-Konzerte im März kommenden Jahres und innerhalb von 12 (in Worten: zwölf) Minuten waren sämtliche Tickets vergriffen. Die Preise bei ebay schnellten innerhalb kürzester Zeit auf das Drei- bis Vierfache des Normalen. Diese Komplettüberhitzung des Marktes war wohl auch der Tatsache geschuldet, dass die Band Ende des Monats zu ihrer ersten World-Tour seit 2001 aufbrechen wird. Im Sommer 2009 sollen den Hallenkonzerten dann auch hierzulande weitere Open Air-Gigs folgen.
Noch länger, nämlich geschlagene acht Jahre, ist es her, dass wir ein neues AC/DC-Album in den Händen halten durften. Aber auch dieser Zustand hat nun ein Ende. Mit "Black Ice" veröffentlicht das Quintett endlich den Nachfolger zu "Stiff Upper Lip" und seinen 15. Longplayer insgesamt. Ganze drei Tage früher als beispielsweise die Kollegen in den USA und Kanada kommen die deutschen Fans (dank des Veröffentlichungstages Freitag) in den Genuss von fünfzehn neuen Stücken der australischen Hardrock-Ikonen. "Black Ice" entstand unter der Regie von Brendan O`Brien (u.a. Incubus, Bruce Springsteen, Pearl Jam) in den Warehouse Studios von Vancouver, abgemischt vom kanadischen Juno Award-Preisträger Mike Fraser, der bereits in der Vergangenheit an zahlreichen AC/DC-Meisterwerken beteiligt war. Ehrfurchtsvoll lege ich also unser Rezensionsexemplar in den Player, hole zweimal tief Luft und versuche meine Erwartungshaltung auf ein journalistisch gesundes Maß zu reduzieren. Dann drücke ich die Play-Taste.
Der erste Eindruck: Ist das herrlich Brian Johnsons Stimme wieder in Songs zu hören, die man nicht schon gefühlte zehntausend Mal abgespielt hat! Nach dem ersten Durchgang habe ich trotzdem noch das beunruhigende Gefühl, mir das Album "schönhören" zu müssen. Zum Glück hatte Angus Young bereits im Vorfeld gewarnt: "Manche Stücke muss man ein zweites und drittes Mal hören, aber das finde ich sehr positiv - wenn die Songs mit jedem Hören wachsen". Er hat Recht. Der Opener und gleichzeitig erste Single "Rock`n Roll Train" geht direkt ins Ohr, läuft aber auch schon seit ein paar Wochen im Radio und legt die Messlatte für die folgende knappe Stunde gleich sehr hoch. Zusammen mit dem 3-Akkorde-Stampfer "Money Made" und einer für Brian Johnson teils recht ungewöhnlichen Gesangslinie eines der stärksten Stücke auf "Black Ice".
Andere Songs hingegen wirken anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftig, wie etwa das für AC/DC-Verhältnisse fast schon poppige "Anything Goes". Bei "Rock`n Roll Dream" muss ich im Stillen gar an Foreigner denken, erschrecke dann aber selbst vor diesem Vergleich. Sicher, überwiegend belassen es AC/DC auf "Black Ice" bei dem Stil, für den wir sie so liebgewonnen haben: Staubtrockene Gitarrenriffs, genial einfache Melodien und Refrains, die man spätestens nach zweimaligem Hören auswendig kann. "Stormy May Day" wäre ein perfekter Opener für die Tour, auch wenn sich Angus Young ansonsten etwas mehr im Hintergrund hält. Die Zahl seiner Soli lässt sich an einer Hand abzählen. Neben purem Rock kommt auch der Blues wieder mal nicht zu kurz ("Spoilin` For A Fight", "Decibel" oder "Rocking All The Way"). Trotzdem ist irgendetwas anders.
Vielleicht liegt die anfängliche Verwirrung daran, dass sich "Black Ice" nicht nur vom Titel her, sondern auch musikalisch am ehesten an AC/DCs Meilenstein "Back In Black" von 1980 orientiert. "Big Jack", "War Machine", "She Likes Rock`n Roll" oder das Titelstück sind allesamt Songs, die auch auf "Back In Black" ihren Platz hätten finden können, nur dass ihnen auf "Black Ice" die Schwere fehlt und sie deshalb ungewohnt locker und befreit klingen. Frisch und kraftvoll könnte man das auch nennen. Oder schlicht... lebendig! Fast ist man geneigt zu sagen, dass AC/DC sogar eine gewisse Vielseitigkeit für sich entdeckt haben.
Zur Veröffentlichung erscheint "Black Ice" übrigens für kurze Zeit in drei verschiedenen Ausführungen mit einem geschmackvollen Artwork - in gelb, weiß und rot. Danach ist das Album dann nur noch in rot erhältlich. Darüberhinaus gibt es noch eine Limited Edition Deluxe Version im Hardcover-Digipack mit erweitertem Booklet (das reguläre bietet lediglich ein etwas skurriles Bandfoto, Porträts der Bandmitglieder, jedoch keine Texte). Aber egal, für welche Variante ihr euch letztlich auch entscheidet: AC/DC sind wieder da und nach einer gewissen Zeit fühlt es sich an, als wären sie nie weg gewesen! Nochmal Angus Young: "Man ist immer nur so gut wie seine Songs". Auf "Black Ice" klingen er, Bruder Malcolm, Cliff Williams, Brian Johnson und Phil Rudd in der Tat wieder verdammt gut! For those about to Rock - We salute you!