Nightmare Anatomy

Wenn die männliche Rasse die Kosmetikabteilung stürmt und der schwarze Kajalstift zum Unisex Verkaufsschlager wird, ist dies ein Zeichen dafür, dass eine neue Goth-Emo-Punk-Rock-Whatever-Band auf dem Vormarsch ist. Und wenn das Ganze dann noch aus der Ex-Grunge-Hochburg Seattle stammt, kann man sehr gespannt sein.
"Nightmare Anatomy", ein Titel der Übel zu prophezeien scheint und das zweite Album von Aiden liefern wütenden Emo-Punk der gut durchstartet.
Nichts für weiche Gemüter, denn Geschrei ab der ersten Sekunde ist garantiert. So schauts aus bei dem ersten Song mit dem bösen Titel Knife Blood Nightmare. Abwechselnd wird geschrien und melodisch gesungen. Dabei erinnern wir uns an My Chemical Romance, die ürigens auch ein ähnliches Schicksal teilen. Möchte man nämlich den Aussagen von Aiden Sänger Will Glauben schenken, so geriet er schon mit 11 Jahren (!) in den Drogensumpf und sei nun aber seit 6 Jahren clean. Gratulation! Jedenfalls scheinen solche früheren Drogenopfer dafür geschaffen zu sein den Emo Sound voranzutreiben und dramatische Texte zu schreiben.
The last sunrise ist ein sehr flotter Song mit treibenden Drums und schnellen Gitarren, der von – gähn – Suizidgedanken handelt. Dazu ein Refrain, bei dem die Geschwindigkeit heruntergerdreht wird. Leider sind Vorgänger wie AFI oder Thrice unverkennbar herauszuhören, doch jeder hat Idole und somit drücken wir ei der noch sehr jungen Band ein Auge zu.
Fast, faster, Die Romantic. Tolle Backings, ein Song bei dem stellenweise richtig reingedroschen wird. Hierbei muss man auch mal die Stimme von Frontmann Will erwähnen, die wirklich Potential enthält. Doch man gewinnt den Eindruck, dass er noch mehr aus sich rausholen könnte.
Genetic Design for Dying ist nun ein „langsameres“ Lied, wenn man das so sagen kann. Hier wird instrumental ein wenig runtergefahren und die schön abwechslungsreiche Stimme somit in den Vordergrund gestellt. Das Lied enthält eine Melodie, die ins Ohr geht, vor allem der Refrain bleibt haften. Aber ganz ohne Gebrüll geht’s nicht, der Schreihals wird zum Ende doch noch ausgepackt. Ein sehr gelungenes Stück.
Emotionaler Hardcore auch bei Breathless, ruhiger Anfang der am Ende des Songs wieder aufgegriffen wird, das nenne ich mal einfallsreich (auch wenn sie nicht die ersten sind, die diese Idee hatten). Und dann geht’s los ein energiegeladener Song mit super Sing-Alongs und Backings.
Starke Drums kommen bei Unbreakable (I.J.M.A.) zum Vorschein. Halsbrecherische Geschwindigkeitswechsel und gut portionierte, stellenweise eingesetzte Power lassen den Song aufleben.
It´s cold tonight und Enjoy the view folgen nun dem Emo-Schema wie es im Buche steht und bringen nichts wirklich neues zu Tage. Screamos, gängige Melodien, Mitsing-Refrains und ein gehöriger Anteil Wut. Und weil’s so schön war, bleibt auch alles weiterhin so bei Goodbye we´re falling fast, bei dem die Stimme extrem an MCR rankommt. Wer war nun zuerst da, das Huhn oder das EiÂ…?
Gesteigert wird die Qualität wieder mit This city is far from here. Hier scheinen Aiden wieder mehr einen eigenen Stil zu finden. Und auch See you in hell verschafft einen würdevollen Abgang. Noch einmal wird schön gerockt zum Ende mit genialen Schrei-Backings, bei denen die gesamte Band mitwirkte, wie man in dem Bonusvideo sehen kann.
Der Markt ist bald mit gothiklastigen Emo-Punk-Bands übersättigt, doch eine geht noch rein! Auch wenn Aiden das konsequent abstreiten, so sehen sie doch zu gewollt und übertrieben aus. Und auch die gesamte Scheibe scheint zu sehr einem Strickmuster zu folgen. Dennoch beinhaltet sie sehr gute Ansätze, eine ausbaufähige Stimme und viel Potential, das die Jungs bei den nächsten Aufnahmen unbedingt mehr ausschöpfen sollten – dann haben sie die Chance ein gigantisches Werk abzuliefern.