Alin Coen Band

Wer bist Du?

Veröffentlicht: 27.08.2010 / Pflanz einen Baum / Rough Trade

Von: Thomas Kröll

Alin Coen Band

Musikalisch gesehen herrscht gerade Sommerflaute. Ich komme dazu mal wieder ein gutes Buch zu lesen. Es heisst "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" vom geschätzten Kritikerkollegen Eric Pfeil und hätte - nebenbei bemerkt - auch eine Besprechung verdient. Was das alles mit der Alin Coen Band zu tun hat? Nun, in seinem Buch beschreibt Eric Pfeil ein auch mir wohlbekanntes Dilemma: "Unzählige mit Popular-Musik befasste Autoren über 30 kennen die Situation (...): Tagtäglich trudeln in ihren Redaktionen oder privaten Schreibräumen unzählige Bemusterungsexemplare mit vermeintlich neuer Musik ein (...). Allein: Keine dieser Platten vermag echte Begeisterung auszulösen (...). Der Musikschreiber kann sich einen derartigen Kulturpessimismus nicht im Ansatz leisten. Kickt es ihn nicht mehr, dann ist er draußen. (...) Was einen schließlich nicht rettet, aber doch zumindest Hoffnung schöpfen lässt ist am Ende dann doch letztlich wieder einfach nur - Musik. Eine Band, eine Platte, die den Finger auf einen lange nicht gedrückten Knopf legt".

Die Alin Coen Band ist so eine Band. 2007 tingelte das Quartett noch weitgehend unbeachtet durch die deutsche Musiklandschaft und verkaufte auf seinen Konzerten eine erste selbstproduzierte 7-Track-EP. Seitdem hat sich viel getan und die unermüdliche Live-Präsenz Wirkung gezeigt. Vor zwei Jahren nahm die Band am legendären "Popcamp" des deutschen Musikrates teil, quasi der Meisterkurs für Popmusik. Im August 2008 tourten sie durch Kanada und 2009 hierzulande als Support für Jacob Dylan, Starsailor oder Amos Lee. Dabei achteten die 28-jährige Hamburgerin und ihre drei Mitstreiter - Gitarrist Jan Frisch, Bassist Philipp Martin und Drummer Fabian Stevens - stets darauf möglichst unabhängig zu bleiben, was sie in Zeiten des künstlichen Hypes und der schnellen Kohle umso symphatischer macht. Um sich in die eigene Musik nicht reinreden zu lassen, gründeten die Vier schließlich das bandeigene Label mit dem putzigen Namen "Pflanz einen Baum", auf dem nun das erste "richtige" Album "Wer bist Du?" erscheint.

Eine der Besonderheiten: Es ist zweisprachig und enthält sechs deutsche und sieben englische Songs. Ein Umstand, der normalerweise bei jedem Labelmanager die Begeisterung auf Gefrierkühlniveau sinken lässt, der bei Alin Coen und ihrer Band aber bestens funktioniert. Doch dieses Album hat noch viel mehr besondere Momente, die man am liebsten einfrieren und für immer konservieren möchte. Vor allem zart-melancholische, zugleich aber voller Selbstbewusstsein. Alin Coens von Folk und Pop inspirierte Songperlen lassen auch bei mir (als Mann) so manch sentimentale Saite anklingen. Trotzdem ist sie wohl kaum eine der Frauen, die ihrem Auto einen Namen geben oder Fussballteams nur wegen der hübschen Trikots gut finden. Ihre intensiven, gleichzeitig aber oft auch selbstironischen Texte nennen die Dinge beim Namen. Die Songs erzählen vom Hoffen und Scheitern, vom Lieben und Loslassen. Ihre Band (und einige musikalische Gäste wie Nils Frahm, der das Album gleich mitproduziert, aufgenommen und abgemischt hat) webt dazu das passend-zerbrechliche Netz aus Akustikgitarre, Piano, Geige oder Cello. Vierzehn Mal musikalischer und emotionaler Tiefgang (darunter mit "Schwan" ein Instrumentalstück), der jedoch nicht ratlos, sondern mit einem hoffnungsfrohen Lächeln auf den Lippen wieder in den Alltag entlässt. Eine Platte, so schön als sei sie vom Himmel gefallen.

Ich müsste mich schon sehr täuschen, sollte Alin Coen mit "Wer bist Du?" nicht innerhalb kürzester Zeit zum Liebling des Feuilletons aufsteigen. Als zusätzlichen Anreiz verwette ich darauf die nächste Ladung Bemusterungsexemplare. Bei mir ist der Alin Coen-Knopf jedenfalls eingerastet. Ab Ende August kann man sich von der Alin Coen Band übrigens auch live in den Ohren schmeicheln lassen. Hier die Termine:

31.08.10 - Leipzig // naTo
02.09.10 - Chemnitz // Weltecho
05.09.10 - Ulm // CAT
06.09.10 - Tübingen // Voltaire
07.09.10 - Stuttgart // Merlin
08.09.10 - Freiburg // Jos Fritz Cafe
09.09.10 - Karlsruhe //  Kohi
11.09.10 - Stuttgart // Cafe Galao
14.09.10 - Frankfurt (a.M.) // Ponyhof
16.09.10 - Bonn // Klangstation
17.09.10 - Aachen // Raststätte
27.09.10 - Berlin // Privat Club
28.09.10 - Hamburg // Prinzenbar
29.09.10 - Köln // Blue Shell
30.09.10 - München // 59:1
15.10.10 - Halle // Riff-Club
16.10.10 - Weimar // Kasseturm
18.10.10 - Jena // Cafe Wagner

  

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