BAP

Dreimal zehn Jahre

Veröffentlicht: 18.11.2005 / Capitol / EMI

Von: Thomas Kröll

BAP

30 Jahre BAP! Eine Zahl wie in Stein gemeißelt! Als „Wolfgang Niedecken`s BAP rockt andre kölsche Leeder“ 1979 erschien, ahnte wohl keiner der Beteiligten, welche Rakete er da unter seinem Hintern hatte. Dass deutsche Rockmusik mit kölschen Texten überhaupt jemals jenseits der Kölner Stadtgrenzen Beachtung finden würde, konnte niemand ernsthaft erwarten. Jedenfalls nicht außerhalb der Karnevalszeit. Letztlich sang man „Frau, ich freu mich“ oder „Verdamp lang her“ sogar in China, Nicaragua und 1984 fast in der damaligen DDR. BAP waren da längst zu einer gesamtdeutschen Rock`n Roll-Band geworden und Wolfgang Niedecken zum politischen und emotionalen Sprachrohr einer ganzen Generation. Zumindest meiner Generation. Der Mann packte sich den ganzen Wirrwarr unserer Gefühle und Gedanken und brachte die Dinge dann in seinen Liedern so genau auf den Punkt, als hätten wir ihm vorher davon erzählt. Kurz, er sprach unsere Sprache. Auch 30 Jahre später hat sich daran kaum etwas geändert.

Im November 1984 habe ich BAP zum ersten Mal live gesehen. Mehrzweckhalle Bad Hönningen. Vielleicht 500 Leute. Das erste Konzert meines Lebens. Sowas vergisst man nie mehr. Danach waren wir Freunde. Und sind es immer noch. Und wie das so ist mit alten Freunden, man verliert sich vielleicht mal eine Zeitlang aus den Augen (besser Ohren), freut sich aber jedes Mal ein Loch ins Knie, wenn sich die Wege zufällig wieder kreuzen. Dann werden all die alten und älteren Geschichten ausgepackt und mit jedem Mal Erzählen werden sie schöner. So und nicht anders ist es auch bei „Dreimal Zehn Jahre“.

29 solcher Geschichten haben BAP auf dieser Doppel-CD vereint. Dazu das Titelstück „Dreimohl zehn Johre“, in dem Niedecken ein kurzes persönliches Fazit zieht. Mit „Nähxte Stadt“ hat die Band zudem eine schöne neue Midtempo-Rocknummer im Gepäck, die wir auf der im Januar beginnenden Jubiläumstour mit Sicherheit noch des öfteren als Rausschmeisser hören werden. Und schließlich hat Herbert Grönemeyer es sich nicht nehmen lassen „Einmal nur in unserm Leben“ als eine Art Geburtstagsständchen beizusteuern. Eine Klavierballade mit einem Goethe-Text und Musik von Christoph Willibald Gluck (aus der Oper „Iphigenie in Aulis“). Danke Herbert! Passt zwar nicht, aber der Wille zählt!

Ansonsten feiern wir ein fröhliches Wiedersehen mit jeder Menge musikgewordener alter Kumpels. Aber nicht so, wie wir sie in Erinnerung haben. Das wäre auch zu billig gewesen. Nein, die Songs wurden komplett „auf links gedreht“ (O-Ton Niedecken) und neu eingespielt. Dazu luden sich BAP eine Reihe junger Kolleginnen und Kollegen ins Studio. Frischzellenkur nennt man so was dann und es hat den Stücken nicht geschadet. Im Gegenteil! Natürlich vermisst man dabei den einen oder anderen alten Weggefährten, insbesondere „Jupp“, aber dafür klingt der Rest dermaßen locker und luftig, dass man das leicht verschmerzen kann.

Bei „Frau, ich freu mich“ etwa hat man förmlich das Gefühl dieses Mal über die imaginäre Autobahn nach Hause zu schweben. „Jraaduss“ erhält durch den Harmonium-Einsatz zu Beginn einen völlig anderen, sakralen Charakter. Wunderbar auch „Helfe kann dir keiner“, unsere ultimative Thekenhymne. „Kristallnaach“ klingt noch um einiges eindringlicher und die eingefügte rockige Bridge vertreibt die fast schon etwas zu depressive Stimmung des Originals. „Do kanns zaubre“ ist kaum wiederzuerkennen, was den ohnehin schon sentimentalen Song noch sentimentaler macht. „Verdamp lang her“ mal auf Hochdeutsch zu hören hat zwar durchaus auch seinen Reiz, zum Glück gibt es aber später noch die Vollkölsche Version obendrauf.

Wobei anzumerken ist, dass die Gastmusiker ausnahmslos Hochdeutsch singen. Für den Nicht-Rheinländer wohl auch besser so, um möglichst unfallfrei aus der Sache rauszukommen. Nur Hubert von Goisern hält bei „Rita, mir zwei“ eisern an seinem österreichischen Slang fest. Der passt zwar erstaunlicherweise super zu dem Stück, zur Abwechslung verstehe ich aber mal kein Wort. Henning Wehland (H-Blockx) gibt „Widderlich“ die bisher fehlende wütende Note und „Paar Daach fröher“ wird durch den Part von Meret Becker ebenfalls enorm aufgewertet. Überhaupt stellen die weiblichen Vocals (auch Marta Jandova von Die Happy in „Lena“) eine bemerkenswert gute Ergänzung zu Niedecken`s rauchiger Stimme dar. Selbst Xavier Naidoo, den ich sonst wegen seines penetrant-weinerlichen Gesäusels nicht mehr hören kann, überzeugt bei „Dir Allein“. Nicht unerwähnt bleiben soll natürlich auch Kinks-Legende Ray Davies, der zu „Hollywood Boulevard“ die englischsprachigen Passagen beisteuert.

Einige wenige Schwachpunkte hat „Dreimal Zehn Jahre“ trotzdem. Unter uns kann man das ja sagen. Der „Wellenreiter“ in einer Reggaeversion – das beißt sich. „Time is cash, time is money“ mochte ich vorher nicht und die Überarbeitung macht den Song ausnahmsweise nicht besser. Dass bei „Alexandra“ das berühmte „Cha“ fehlt ist eine Nebensächlichkeit. Was ich Niedecken allerdings wirklich übel nehme ist, dass er in „Ne schöne Jrooß“ die Textzeile „Met singer Stehplatz Mitte-Jahreskaat vum FC“ einfach so durch eine andere ersetzt hat. Unverzeihlich! Wenigstens bekommt Schalke bei „Nix wie bessher“ auch weiterhin verbal seine Packung, was mich wieder milder stimmt.

Abgerundet wird die ganze Aktion von einem liebevoll gestalteten Booklet. Alleine das Cover von Stones-Chefkarikaturist Sebastian Krüger ist eine Augenweide. Vorne die aktuelle BAP-Besetzung heute und auf der Rückseite vor 30 Jahren. Grossartig! Dazu findet sich zu jedem der 32 Stücke eine Anekdote von Wolfgang Niedecken und Fotos der Studiosessions.

Manchmal muss man im Leben bei der Wahl seiner Freunde vorsichtig sein, aber „Dreimal Zehn Jahre“ beweist eindrucksvoll, dass wir mit BAP in der Hinsicht bis zum heutigen Tag vollkommen richtig liegen. Doch im Grunde wussten wir das schon von Anfang an. Wir haben schließlich viel zusammen erlebt. Dafür sage ich an dieser Stelle Dankeschön und bitte weiter so! Zum Jubiläum gibt`s dazu von mir die Höchstwertung!

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