Live und in Farbe (3 CD)

Die Livealben der auf lange Sicht gesehen wichtigsten deutschen Rockband waren und sind jedesmal eine Standortbestimmung der Mannen um Mastermind Wolfgang Niedecken. So stimmt es schon nachdenklich, dass nach "Bess demnähx", "Affrocke" und "Övverall" ein Konzertmitschnitt der Kölner erstmals einen hochdeutschen Titel trägt. Das tut allerdings der Qualität des Longplayers keinen Abbruch. Die Jahre ziehen ins Land – und noch immer bleibt "Bess demnähx" unerreicht. Die im Juli 1983 auf den Markt gebrachte Aufnahme zeigt die Band zu Beginn und (seien wir ehrlich) auch schon auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Klar sollten noch viele große Taten folgen – wie "Ahl Männer, aalglatt" und "Da capo" – doch die Highlights, nach denen heute noch jeder Konzertbesucher lechzt, standen schon 1983 im Mittelpunkt jeder Show. Mich hat dieses Livealbum stärker mit BAP vertraut gemacht als jedes Studiowerk und sollte ich eine Liste der wichtigsten deutschen Livealben erstellen, stünde es unangefochten auf Platz 1. "Affrocke" konnte daran acht Jahre später nicht anknüpfen. Natürlich standen andere Alben im Vordergrund und die ruhigen Songs von "Da Capo" und "X für ‘e U" haben auch ihren Reiz, doch das Livefeeling kann kaum vermittelt werden und alles klingt sehr, als sei es im Studio extrem nachbearbeitet worden. "Övverall" geht zumindest einen Schritt in die richtige Richtung. Wenn auch nur wenige Klassiker vertreten sind, spürt man die Spielfreude der Band und die ordentliche Stimmung in der Kölnarena.
"Live und in Farbe" wird vor allem deswegen zum zweitbesten Mitschnitt der kölschen Band, weil er mit 210 Minuten Länge ein komplettes Konzert der aktuellen Tour repräsentiert. Die bisherigen Live-Werke konnten nie einfangen, was es bedeutet, dieser Band in der Regel knapp 3,5 Stunden lang zuzuhören. Die Setlist orientiert sich an der des Weihnachtskonzerts vom 26.12.2008 in dem jetzt Lanxess-Arena genannten Kölner Konzertbau, setzt sich aber aus verschiedenen Mitschnitten zusammen. Schade eigentlich. Grund dafür ist wohl, dass es jedes der Radio Pandora-Konzerte im Anschluss auf USB-Stich am Merchandise zu erwerben gab und man sich jetzt für eine Art Best-Of-Zusammenstellung entschied. Das stört zwar mein authentisches Konzertempfinden, aber andererseits merkt man beim Anhören auch nichts davon.
Es gibt natürlich eine ganze Reihe von Stücken des aktuellen Studioalbums. Allein CD 1 enthält sieben der neuen Stücke und zum Schluss wird "Radio Pandora" fast komplett gespielt sein. Für mich, der ich es in der Studioversion bisher nicht kenne, ein gelungener Einblick in das, was BAP momentan so machen. Und dazwischen eingestreut finden sich Klassiker über Klassiker meist in interessanten neuen Arrangements. "Do kanns zaubre", "Verdamp lang her" und "Kristallnaach" will ich eigentlich so hören, wie ich sie schon seit Jahrzehnten kenne, doch die hier dargebotenen Versionen haben auch ihren Reiz und verleihen den Stücken einen Hauch von Frische, ohne ihnen den alten Geist zu nehmen. Das hat die neue Truppe um Niedecken ganz gut hinbekommen. Wie sagt der Meister so schön? Ihm sei während eines Konzerts der Tour plötzlich eingefallen, dass er noch nie mit einem Musiker so lange Musik gemacht hat wie mit dem "neuen" Schlagzeuger Jürgen Zöller. Nun sind BAP in dieser Besetzung schon zehn Jahre zusammen und zeigen weiterhin, dass sie es drauf haben. Nicht mehr so rockig wie früher, aber immer noch ganz oben im deutschen Musikgeschäft. Diese 3 CD-Box legt ein feines Zeugnis davon ab.