Blind Ego

Numb

Veröffentlicht: 03.04.2009 / Red Farm Records / Rough Trade / Universal Music

Von: Andreas Weist

Blind Ego

Beim Erstling "Mirror" war es das Wechselspiel der beiden Sänger Paul Wrightson und John Mitchell, die das Werk für mich überaus interessant machten. Dabei war schon von vorneherein klar, dass die Zusammenarbeit nicht lange Bestand haben würde. Eigentlich ist es nämlich RPWL-Gitarrero Kalle Wallner, der die Fäden in der Hand hält, für Musik und Lyrics zuständig ist und das Projekt mit Hilfe seiner Farmlands-Kollegen quasi im Alleingang durchzieht. Die erste Tour sah nur noch den ehemaligen Arena-Fronter Wrightson am Mikro und Tausendsassa Mitchell wandte sich wieder seinen anderen Baustellen zu – sei es die aus fünf Neoprog-Helden zusammengesetzte Band Kino, die unerwartete Wiedervereinigung von *Frost oder der Einstieg als Sänger bei It Bites. 2009 sind gar Arena wieder auf Tour. Gute Zeiten für Mitchell-Fans.

Paul Wrightson war aber meines Erachtens der beste Sänger, den Arena bislang hatten. Ich erinnere nur an die geniale Performance von "The Visitor" und seine stilvolle Interpretation des Marillion-Klassikers "Grendel". Die langjährige Zusammenarbeit bei Blind Ego gab Kalle Wallner nun die Chance, die Stücke des Zweitwerks "Numb" ganz auf den alleinigen Frontman zuzuschneiden. Es ist ein sehr rockiges Album geworden, das die Gitarre (wie sollte es anders sein) stark in den Vordergrund stellt.

Die Stücke tragen durchweg kurze, prägnante Titel. "Lost" startet noch recht sphärisch, baut aber nach kurzer Zeit ordentlichen Druck auf. Beim ersten Einsatz von Wrightson stellt sich sofort das typische Arena-Feeling ein. Es scheint als entwickle Wallner hier die Ideen, die Clive Nolan seit Jahren fehlen.

Auch "Guilt" zeigt sich vielschichtig und wechselt balladeske Passagen mit ordentlich Power ab. Wir erleben über das ganze Album ein Feuerwerk an durchdachten Gitarrenriffs und elegischen Soli, mit denen Wallner einmal mehr seine Spitzenstellung im Saitengewerbe unter Beweis stellt. Dies funktioniert mit "Leave" und "Risk" in ruhigen Gewässern ebenso wie in sturmgepeitschter See bei "Seek" oder "Torn". Prog-Puristen wird mit dem Zehnminüter "Death" ein episches Paradestück dargeboten und wer den sphärischen Sound bevorzugt, der wird zur Albummitte mit "Change" bestens bedient. Letzteres gibt es übrigens als "Reprise" erneut zum Albumabschluss, mit verstärkt rockigem Touch und eingetrommelt von keinem geringeren als Sepultura-Drummer Iggor Cavalera, der sich bei einem Besuch im Studio ganz spontan entschlossen hatte, bei diesem Song mitzuwirken.

Die Titel sind kurz geraten, die Tracks umso länger. Mit kaum einem Song unter sechs Minuten wächst das Album auf proggige 70 Minuten und wird dennoch an keinem Punkt langweilig. Ein Wechselbad der Gefühle, das es in sich hat. Diese deutsche Band hat viele Hörer verdient – auch wenn (oder gerade weil) sie nicht auf den davoneilenden deutschgetexteten Zug aufspringt. Unbedingt mal reinhören!

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