Christmas In The Heart

Der Meister macht ein Weihnachtsalbum. Wer sich nun verwundert am Kopf kratzt und das Schlimmste vermutet, braucht nicht verzweifeln. “Christmas In The Heart“ benannte Bob Dylan seine Neuinterpretationen von fünfzehn Weihnachtsklassikern und Herr Zimmerman lässt bei seinem 34. Studioalbum jedes Fettnäpfchen aus, das sich ihm eventuell in den Weg gestellt hat. Beseelt und völlig unkitschig gibt uns Bob Dylan den grauen, kratzigen, Cowboyhut tragenden Teilzeitweihnachtsmann. Wer hätte das gedacht?
Im Studio von Jackson Browne in Santa Monica nahm Bob Dylan zusammen mit alten Bekannten – Tony Garnier (Bass), George Receli (Drums, Percussion), Donnie Herron (u.a. Mandoline, Trompete), David Hidalgo (u.a. Gitarre, Akkordeon), Phil Upchurch (Gitarre) und Patrick Warren (u.a. Piano) – die Stammgäste jeder US-amerikanischen Weihnachtsfeier auf. “Here Comes Santa Claus“ fehlt da ebensowenig wie “The First Noel“, “Winter Wonderland“, “Have Yourself A Merry Little Christmas“, ”Little Drummer Boy” oder ”I’ll Be Home For Christmas”. Über allem thront ein hörbar gut gelaunter Dylan in Geberlaune. Alle Einnahmen der Platte kommen wohltätigen Zwecken zugute.
Es wird nicht lange dauern und eine dieser Dylan-Nummern läuft im neuen Film der Coen Brüder. Zum verschrobenen Humor der beiden Filmemacher würde Dylans trockene Herangehensweise perfekt passen. Eine Paarung, die man sich glatt zu Weihnachten wünschen könnte.
“Christmas In The Heart“ ist für Bob Dylan ein klassisches Zwischenalbum. Wer kitschige Weihnachtssongs vermutet, liegt zum ganz großen Teil falsch. Der alte Recke haucht jedem noch so großen Adventsgassenhauer neues Leben ein und schafft den Spagat zwischen Besinnlichkeit und künstlerischem Anspruch. Die nuschelnde und in Würde gealterte Reibeisenstimme passt wie die Christbaumspitze auf die heimische Wohnzimmertanne. Keine Großtat wie “Together Through Life“, aber ein Weihnachtsalbum, für das man sich nicht schämen braucht. Und das passiert zwischen Lametta, Glühwein und “Last Christmas“ ja eher selten.