The Captive

Wer innerhalb von wenigen Stunden drei an aufeinanderfolgenden Tagen stattfindende Konzerte im New Yorker ’Madison Square Garden’ ausverkauft, braucht eigentlich keine große Vorstellung mehr. Eigentlich... Mit seinen beiden ehemaligen Dispatch-Mitstreitern Pete Francis und Chad Urmston spielte Brad Corrigan (alias Braddigan) diese drei Konzerte im Juli diesen Jahres und sammelte dabei dringend benötigte Spendengelder für das von Krisen heimgesuchte Zimbabwe.
Dispatch sind bis auf solche einmaligen Aktionen seit 2002 Geschichte und das Trio geht mittlerweile getrennte Wege. Braddigans Solopfad wurde Mitte Oktober um einiges länger, der Release seines zweiten Longplayers „The Captive“ stand für den 11. des Monats auf dem Programm. Die zwölf Stücke des „Watchfires“-Nachfolgers erschließen neues Territorium, manifestieren ’Braddigan’ als Band und nicht als Corrigans-Soloprojekt und können durchaus als tontechnisches Dokument für das soziale Engagement (speziell in Mittel- und Südamerika) des Frontmannes angesehen werden.
Der Album-Opener „Valeu Valeu“ gibt den Geist der hinter „The Captive“ steht gleich zu Anfang unmissverständlich vor. Südamerikanische Rhythmen und lockerleichtes Zusammenspiel von Reinaldo De Jesus (Percussion), Tiago Machado (Bass) und Corrigan bereiten den Teppich, oder besser gesagt die Bastmatte, für die weiteren elf Stücke. Unter diesen befinden sich mit „De El“, „Ketchwa“ und dem von einer feurigen Akustikgitarre getragenen Instrumental „Mercedita“ noch andere Stücke, die den Einfluss der beiden Südamerikaner De Jesus und Machado mehr als deutlich machen.
Vielleicht den größten Einfluss auf Braddigan hatte in den letzten Jahren allerdings ein kleines Mädchen. Ileana lebt in einer „Trash Dump Community“ namens La Chureca in Nicaragua. Wie Corrigan das Kind kennenlernte und was den Kampf gegen die menschenunwürdige Situation der Bewohner dort schwer- und ausmacht besingt er in einem Stück das den Namen des Mädchens trägt. Aus seinem Engagement heraus entstand in den letzten Monaten eine von Corrigan gegründete gemeinnützige Gesellschaft namens „Love, Light and Melody“, ein Besuch der „L, L &M“-Homepage sei jedem hiermit ans Herz gelegt.
Songs die an gute, alte Dispatch-Tage oder an den Vorgänger „Watchfires“ erinnern, gibt es auf „The Captive“ jedoch auch. „Customs“, eine reggaelastige Chillnummer, wurde z.B. sogar mit Dispatch im Madison Square Garden zum Besten gegeben. Track Nummer fünf („Five For Rose“), hätte mit seiner treibenden Akustikgitarre und den dezenten Bongos im Hintergrund auch gut auf das Debüt gepasst. Corrigans unverwechselbar langgezogenen Silben gibt’s hier auf ganz hohem Niveau. Für mich neben dem bereits auf „Live At Goucher“ erschienenen „Fare Thee Well“ eine der stärksten Nummern auf „The Captive“.
Als Gast ist u.a. Josh Garrells auf dem Album („Walk On“). Er teilt sich die Lyrics mit Corrigan und trägt sehr zum Gelingen des ruhigen, bluesigen Songs bei. E-Gitarre und Mundharmonika treten bei „Solace“ in den Vordergrund. Sogar ein Piano hat es auf „The Captive“ („On The Mend“) geschafft. Laut Brad das erste Mal, dass er zu diesem Instrument gesungen hat.
„The Captive“ erscheint auf Braddigans eigenem Indielabel ’Third Surfer’. Ganz in der Tradition seiner alten Band wird auf Grassroots Mobilisation, „do-it-yourself“ und „word of mouth“ gesetzt. In deutschen Plattenläden stehen zwar noch keine Hardcopies des Zweitlings, über die deutsche iTunes-Filiale lässt sich das Album jedoch bereits seit ein paar Wochen problemlos erstehen. 2008 haben Brad, Rey und Tiago einiges vor. Brasilien und die USA sollen betourt werden, ein Benefizkonzert in der La Chureca-Community ist geplant und im Lauf des Jahres soll es endlich auch zu ersten Braddigan-Konzerten in Deutschland kommen. Hardcopies von „The Captive“ wird das Trio dann hoffentlich reichlich im Gepäck haben.