The Collection 1973-84 (8 CD Box-Set)

Ab und zu hat sogar ein Majorlabel wie Sony Music eine fanfreundliche Idee, die nicht unbedingt vom Kommerzgedanken geprägt zu sein scheint. Seit einiger Zeit schon präsentiert die CD-Serie "The Collection" zum kleinen Preis fünf oder mehr ausgewählte Alben von Top-Künstlern des Labels in einer Box. Nachdem mit Eros Ramazzotti und Whitney Houston zuletzt eher die Schmuse- und Nebelhorn-Abteilung bedient wurde, haben wir es diesmal mit einem der bedeutendsten Rock`n Roll-Performer unserer Zeit zu tun: Bruce Springsteen.
Die neue Sammler-Edition, verpackt in einer hochwertigen und stabilen Stülpdeckel-Box, beinhaltet die ersten sieben Studioalben des mittlerweile 60-Jährigen aus den Jahren 1973 bis 1984. Dazu ein 16-seitiges Booklet, das neben den entsprechenden Credits und Songtiteln allerdings nichts zu bieten hat. Über den Einfluss der einzelnen Longplayer auf Springsteen im speziellen sowie die Musikgeschichte im allgemeinen, ließe sich mehr als ein Buch schreiben (was ja auch bereits geschehen ist). Bruce Frederick Joseph Springsteen muss man wohl niemandem mehr vorstellen. Weltweit hat er um die 130 Millionen Tonträger verkauft und ist damit einer der kommerziell erfolgreichsten Rockmusiker überhaupt.
Als 1973 sein Debütalbum "Greetings From Asbury Park, N.J." erschien, war das natürlich noch nicht abzusehen. Der junge Kerl aus New Yersey war noch nicht "der Boss", sondern nur ein weiterer in der langen Reihe von Folksängern. Den neun Songs wurde erst später Ehre zuteil. So erreichte Manfred Mann`s Earth Band (die insgesamt drei Songs "klauten") mit ihrem Cover von "Blinded By The Light" 1976 einen Nr. 1-Hit in den USA, selbst David Bowie adaptierte über die Jahre drei der Stücke auf "Greetings From Asbury Park, N.J." für eigene Veröffentlichungen. Auch das Nachfolgealbum "The Wild, The Innocent And The E Street Shuffle" bescherte Springsteen zwar gute Kritiken, jedoch keinen kommerziellen Erfolg, obwohl es mit "Rosalita (Come Out Tonight)" oder dem knapp zehnminütigen "New York City Serenade" zwei nach wie vor richtige Knaller enthielt. Fakt ist, dass Springsteen 1975 am Scheideweg stand: Wäre sein drittes Album ein Misserfolg geworden, hätte er seine Karriere mit ziemlicher Sicherheit an den Nagel hängen und wieder ein Teil jener "einfachen Leute" werden können, die er in seinen Liedern so häufig romantisiert hat.
Doch bekanntlich wurde "Born To Run" zu seinem Durchbruch in den USA und der Welt. Die acht Songs hatten durch ihr reichhaltiges Instrumentarium eine enorme musikalische Dichte, die an Phil Spectors sogenannte "Wall Of Sound" erinnerte. Es war ein teilweise fast bombastisches und pathetisches Album, auch wenn Springsteen selbst einmal sagte, es habe "die Stimmung eines endlosen Sommerabends". "Little Steven" Van Zandt wurde während der Aufnahmen offizielles Mitglied der E Street Band. Auch das von Eric Meola gestaltete Cover erlangte Berühmtheit. Es zeigt Bruce Springsteen, wie er sich mit einer geschulterten E-Gitarre an Clarence Clemons lehnt. "Born To Run" verkaufte sich bis heute über sechs Millionen Mal und ist damit Springsteens am zweithäufigsten verkauftes Studioalbum. Danach dauerte es drei Jahre, ehe mit "Darkness On The Edge Of Town" sein viertes Album erschien. Hintergrund war Springsteens Trennung von seinem damaligen Manager Mike Appel, der ein langwieriger Rechtsstreit folgte. Die Songs auf "Darkness On The Edge Of Town" waren zugunsten eines einfachen und kraftvollen Rocksounds sehr viel einfacher strukturiert als noch auf "Born To Run", was dazu führte, dass das Album noch immer unterbewertet wird. Dazu war die Grundstimmung um einiges pessimistischer. Dabei beweisen "Badlands" oder "The Promised Land" das Songwriter-Potential des noch jungen Springsteen eindrucksvoll. All diese musikalischen Fertigkeiten - von der Ballade bis hin zum waschechten Rocker - vereinte er 1980 schließlich im grandiosen Doppel-Album "The River", dessen Titelstück Springsteen später auf seiner ersten Live-Collection von 1986 ein hochemotionales Denkmal setzte. Mit "Hungry Heart" enthielt das Album zudem seinen ersten Top 10-Hit. Aber auch "Out In The Street", "Point Blank" oder "Cadillac Ranch" klingen heute noch genauso schön wie (vor)gestern. Dem folgte "Nebraska" und eine radikale Kehrtwende. Auf dem Album (das er in seinem Schlafzimmer mit einem Vierspurtonbandgerät aufnahm) hört man bis auf eine Ausnahme einzig Springsteens Stimme, seine Akustikgitarre und eine Mundharmonika. Ein ruhiges, melancholisches, fast schon depressives Album. Erst 1995 mit "The Ghost Of Tom Joad" und 2005 mit "Devils And Dust" griff Springsteen diese Stilistik wieder auf.
Einige Stücke der "Nebraska"-Session landeten 1984 in rockigeren Versionen auf dem letzten Album dieser Box, "Born In The U.S.A.", welches Springsteen endgültig zum Superstar und martialischen Stadionrocker werden ließ. Es ist sein mit Abstand meistverkauftes Album. Alle sieben Singleauskopplungen erreichten die Top 10. Der Titelsong wurde oft als patriotische Hymne missverstanden, kritisiert tatsächlich aber den Vietnamkrieg und den Umgang der damaligen US-Regierung mit den Vietnam-Veteranen (übrigens ein grosses Thema jener Zeit - ich erinnere nur an den ebenso oft verkannten ersten Teil von "Rambo" zwei Jahre zuvor). "I`m On Fire", "No Surrender" oder "Glory Days" haben wir damals wohl alle auf irgendwelchen verschwitzten Kellerparties mitgegröhlt (und tun dies immer noch gerne). Randnotiz: "Born In The U.S.A." war die erste in den Vereinigten Staaten hergestellte CD...
"The Collection 1973-84" hat für Springsteen-Fans wahrscheinlich keinen besonderen Mehrwert (bis auf die hübsche Verpackung vielleicht). Da hätte es schon einiger Raritäten oder anderer Boni bedurft. Für Quer- oder gar Neueinsteiger bietet die Box aber genau die richtige Basis, um den "Boss" in all seinen Facetten kennenzulernen, und um dann in sein Schaffen ab "Tunnel Of Love" einzutauchen, mit dem Springsteen die Untiefen der Popmusik erforschte. Aber diese Geschichte wird woanders weitererzählt.