Skins

Als anno 2007 die Alternative-Legenden Buffalo Tom nach äonenhaft langer Pause ihr Comeback-Album "Three Easy Pieces" vorlegten, da hüpfte das Herz, und die Ohren erwärmten sich in sonischem Wohlgefallen. Nicht nur, dass die drei Bostoner nach all den Jahren in nie veränderter Originalbesetzung zurückgekommen waren, auch die Musik tönte unverbraucht und vertraut zugleich – wie immer und wie "früher" eben.
Das neueste Werk "Skins", so muss ich allerdings gestehen, hinterließ mich nach dem ersten Durchlauf mit einem nachdenklichen "Hmmm..." im Gehirngang. Dabei geht es mit dem Opener "Arise, Watch" gleich in bester bekannter Buffalo Tom-Manier los: wenige Akkorde, aber große Melodiebögen, in diesem Fall garniert mit fast gospelartig ausgelegtem, herrlich gesetztem Chorgesang. Und spätestens beim hymnischen "Down" hüpfen sie einen wieder förmlich an: Bill Janowicz, ewig lausbubenhafter Rotschopf, der wie ein Derwisch auf seine treue Gibson SG eindrischt, der jeden seiner Songs beim Darbieten förmlich zu durchleben scheint und wahnsinnig viel redet. Und Bassist Chris Colbourn, der sowohl von der Stimme als auch von den Körperkonturen deutlich "weicher" geratene Kontrapunkt, der wohl von 98% aller Bands längst als Vielspieler vor die Tür gesetzt worden wäre. Als Kinder sind die ungleichen siamesischen Zwillinge in den Melodientopf gefallen, und solange sie zusammenbleiben, werden Buffalo Tom-Alben wohl immer diese spezielle live-haftige Atmosphäre verbreiten.
Was also irritiert mich da? Es ist dieses: In einem gewissen Sinne werden Buffalo Tom immer "amerikanischer". Das mag ein absurder Vorwurf an eine amerikanische Band sein, aber ich meine "amerikanisch" im Sinne von "typisch amerikanisch". Es wäre gewiss unfair, hier einen Vergleich mit Amerika’s Peter Maffay (Bruce S. aus N.J.) anzustellen, aber hier und dort geht es doch in diese Richtung. Speziell Bill Janowicz scheint es verstärkt in die Tradition des (Karo-)hemdsärmeligen US-Songwritertums zu ziehen. Und gar so rustikal wie bei "The Kids Just Sleep" hat man Buffalo Tom noch nie gehört. An anderer Stelle geht es in die countryeske Americana-Ecke: zusammen mit Tanya Donnelly (die von Belly, den Breeders und den Throwing Muses) entstand die Schnulze "Don’t Forget Me". Damit sind aber die beiden extremen Flops auf "Skins" schon benannt und abgehandelt.
Ansonsten musste ich dem Album einfach Zeit geben, um mich ganz zu erreichen, doch dann belohnt es mit einer angenehmen stilistischen Bandbreite. "Paper Knife" z.B. tönt angenehm bluesig, und speziell hier wird deutlich, wie sehr Janowicz über die Jahre als Sänger gereift ist. Prägte sein stets am Rande seiner Stimmbandkapazitäten operierendes Gekrächze den Indie-Charme der Anfangsjahre, so phrasiert und coloriert er anno 2011, dass es eine wahre Freude ist. Chris Colbourn at his best gibt es hingegen bei "Hawks & Sparrows". Er spielt melodiös (wie schon so oft) gekonnt an der Grenze zum Infantilen herum, um dann die raffinierte harmonische Kür mit filigranen Akkordsequenzen auf seinem Bass zu unterlegen – herrlich, der alte Angeber...
Am Ende des Tages relativiert sich mein Unbehagen und Genörgel an einer Gewissheit: Buffalo Tom scheren sich keinen Deut um das, was man von ihnen erwarten mag. Sie machen einfach immer das, was sie wollen – und wann sie es wollen! Mag sein, dass sie kein zweites "Mineral" oder "Taillights Fade" mehr schreiben werden, aber "Arise, Watch" und vor allem "Down" sind für meine Ohren schon jetzt wieder Hymnen, ohne die der Buffalo Tom-Songkatalog um einiges ärmer geblieben wäre. Mag sein, "Signs" ist ein Album, das die Welt nicht mehr bewegt – die Getreuen bewegt es allemal.