Paper Tigers

Was für ein Tag! Die Wolken hängen tief, der Himmel hat seine Schleusen geöffnet und alles sieht so trostlos aus, mit anderen Worten, es ist mehr als trübe und trotzdem scheint gegen die späten Nachmittagsstunden die Sonne. Nein, draußen regnet es immer noch oder besser gesagt, es schüttet wie aus Eimern. Aus den Boxen der Musikanlage kommt der pure Frühling - ach was schreibe ich, der Sommer hat Einzug gehalten. Im Briefkasten finde ich also das neue Album der Caesars vor, lege es sofort in den Player und von da an ist das miese Aprilwetter wie weggewischt, aber dazu später mehr.
Die vier Schweden wurden im Jahr 2003 bei Erscheinen ihrer Compilation "39 Minutes Of Bliss (in an otherwise meaningless world") gleich mal in einen Topf mit sämtlichen ‘The Bands‘ geworfen und jede Menge Vergleiche zu den 60ern und 70ern mussten herhalten um den Sound der Band zu beschreiben. Damit tut man den Skandinaviern aber mehr als Unrecht, weil sie einen völlig eigenständigen Sound haben, das wird gerade auch auf ‘Paper Tigers‘ deutlich. Deshalb sei an der Stelle nur gesagt, wer die Musik der oben genannten Dekaden mag, der wird die Caesars und gerade ‘Paper Tigers‘ lieben!
Genau genommen ist das neue Werk die weltweit erste Veröffentlichung des Vierers. Zwar wurden schon "Youth Is Wasted On The Young" (1998), "Cherry Kicks" (2000) und "Love For The Streets" (2002) in der Heimat unter dem Bandnamen "Caesar's Palace" veröffentlicht und 2003 folgte dann für den internationalen Markt ein Zusammenschnitt aus den drei Alben, aber dies ist das erste Caesars-Album, das überall nahezu zeitgleich erscheint und das auch der Welt außerhalb Skandinaviens ausschließlich aktuelles Material präsentiert. (Der "Palace" wurde für den internationalen Markt aus dem Namen gestrichen, um rechtliche Probleme mit dem Casino in Las Vegas zu vermeiden.)
Ausschließlich neues Material? Da war doch noch was. Genau! Der (Über-) Hit ‘Jerk it Out‘ ist wie schon auf dem Vorgänger als vierter Song auf dem Album platziert und hat somit auch schon einige Tage auf dem Buckel. Dies war der Song, der den Caesars den Weg zur internationalen Karriere ebnete und heute noch für Werbespots ausgesucht wird - gerade erst wieder für die weltweite ipod-Kampagne, als Nachfolger von U2s "Vertigo". Aktuell klettert das Lied die itunes-charts nach oben und hat aus diesem aktuellen Anlass und der wieder erstarkten Nachfrage in remixter Version einmal mehr seinen Weg aufs Album gefunden. ‘Jerk it Out‘ wird auch die erste Singleauskopplung sein und erscheint am 25.04.2005. Ob die Band das allerdings nötig hat sei mal dahingestellt. Auch wenn der Song unbestritten großes Hit-Potenzial besitzt, spiegelt er doch nicht das Album wieder, eben weil er schon älter ist.. Auch wenn es sich hier um einen starken Song handelt, er gehört zu den schwächeren des Albums und damit kommen wir wieder zu dem ersten Absatz dieser Rezension.
Was nun hören wir auf "Paper Tigers"? Den Sound einer Band, die sich treu bleibt, aber dabei weiterentwickelt. Und wie sie sich weiterentwickelt hat! Die neuen Tracks klingen allesamt ziemlich erwachsen (was nicht gleichbedeutend mit langweilig ist) und sind genau der richtige Soundtrack für den Sommer – ob am Baggersee, einem gemütlichen Abend auf der Terrasse, im Auto oder in der Indie-Disco ihres Vertrauens. Das wiederum erklärt den großen Schritt, der zwischen einem Song wie "Kick You Out" von "39 Minutes..." und Tracks wie "Spirit" oder "Your Time Is Near" liegt. Letztere haben ganz klar die Garage verlassen und die Richtung "klassisches Songwriting" eingeschlagen. Es liegen nämlich sieben Jahre zwischen "Kick You Out" und den zwei neuen Liedern - und auch wenn die Caesars immer mit typischem, ungebremst begeistertem Elan an die Sache gehen, diese sieben Jahre hört man eben. Man merkt der Band an, dass sie im Songwriting stilsicherer und gewandter geworden sind und sich weiter auf ihr Pop-Gespür verlassen können . So jedenfalls zeigen Titel wie die schwedische-Top10-Single "We Got To Leave" oder "Soul Chaser" oder "Not The Fall That Hurts", wie frisch tolle Melodien in Kombination mit fuzzigem Gitarren- und Orgelsound auch 2005 noch klingen. Erstaunlich ist auch, wie das hohe Niveau der einzelnen Songs über die komplette Albumlänge gehalten wird. Man kann von den 12 wirklichen neuen Songs ohne schlechtes Gewissen behaupten, dass man es durchweg mit klasse Liedern zu tun hat.
Ob der Band der (zu wünschende) Erfolg damit gelingt und ob man es mit einem Meisterwerk oder gar einem Klassiker zu tun hat wird die Zeit zeigen- überzeugen können die Tracks auf jeden Fall und zwar auf ganzer Linie und deshalb 7 von 9 Sternen.