Calexico

Carried To Dust

Veröffentlicht: 05.09.2008 / City Slang / Universal Music

Von: Sascha Knapek

Calexico

Ein fanfavorisierter Glücksgriff war ”Garden Ruin“, das fünfte Calexico-Album, nicht gerade. 2006 begaben sich Joey Burns und John Convertino mit der Platte auf die Mariachi-Ausfahrt und versuchten ihr Glück im sozialkritischen Indie-Pop. Dass der Schuster allerdings besser bei seinen Leisten bleiben sollte, ist gar nicht mal ein so plattes Sprichwort, wie man vielleicht denkt. Im Fall von Calexico trifft es voll und ganz zu. Die beiden Köpfe der Band entschieden sich also schleunigst dafür die nächste Auffahrt zu suchen und die Musik zu machen, die Fans weltweit seit über zehn Jahren in ihren Bann zieht. “Carried To Dust“ heißt das Ergebnis – ein Album, das man so zwar nicht erwarten durfte, aber ein Album, auf das man insgeheim gehofft hat.

Der amerikanische Autorenstreik hat von November 2007 bis Februar 2008 viele Projekte in Film und Fernsehen auf Eis gelegt und Hollywood unmissverständlich klargemacht, was sie ohne die kreativen Hirne hinter den Drehbüchern wert sind. Unsägliche Reality TV-Shows überschwemmten die US-amerikanische Fernsehlandschaft und präsentierten sensationsgeilen Zuschauern Auswüchse wie eine Neuauflage der ’American Gladiators’ und das vor kurzem auch als RTL2-Lügendetektorformat zu sehende ’The Moment Of Truth’. Neben all dem Streiken bot sich den Autoren die seltene Chance zum Innehalten und zur Neuorientierung. Was das alles mit dem neuen Calexico-Album zu tun hat? Eine Menge! Als Grundgerüst für ihre neue Platte dachten sich Joey Burns und John Convertino nämlich eine an den Autorenstreik angelehnte Geschichte aus. Ein teilzeitarbeitsloser Autor fährt umher und findet in New Orleans oder Südamerika allerhand musestiftenden Stoff für neue Erzählungen. Und genau darum geht es dann auf “Carried To Dust“ auch. Eine in 15 Kapitel unterteilte Mariachi-Weltreise von L.A. über Chile nach Moskau.

Im Lauf des knapp 50 Minuten langen Longplayers lassen Calexico die Breitbandfiesta an der langen Leine. Überall pumpt und wabert der bandeigene Texmex-Flavor und Nummern wie der Opener “Victor Jara’s Hands“ und sein kongenialer Nachfolger “Two Silver Trees“ geraten zu atmosphärisch dichten Geistesblitzen. Bereits beim zweiten Hören hat die Hälfte der vertretenen Songs einen derartigen Wiedererkennungswert, dass man sich fragt, was die Band da reingemischt haben mag. Das opulent arrangierte “The News About William“ muss anschließend bei einem Album ohne Ausfälle ebenso genannt werden, wie “Slowness“ – ein liebevolles Duett mit der Kanadierin Pieta Brown –, das Gesangsdebüt von Jacob Valenzuela (“Inspiration“) und der in sich ruhende Doppelabschluss (“Red Blooms“/“Contention City“).

Was die Cineastik ihrer Songs angeht, konnte Calexico in den letzten zehn Jahren niemand das Wasser reichen. Die sprichwörtlichen Grenzgänger waren auf der großen und der kleinen Leinwand gern und oft gehörte Gäste. Der „Wüstenrock“ früher Tage wurde schnell zum Paradebeispiel für unter die Haut gehende Soundtrackbeiträge – Regisseur Todd Haynes verpflichtete die Band kürzlich als eine der „Hausbands“ für seine gefeierte Dylan-Allegorie “I’m Not There“. Diverse Filmemacher reiben sich nun bereits fleißig die Hände, “Carried To Dust“ hat wieder genug cineastische Weitwinkeltracks für ein Dutzend Leinwandepen. Es wird nicht lange dauern bis die ersten Anfragen für das pulsierende Instrumental “El Gatillo (Trigger Revisited)“ oder die transzendierende Trauermelodie “House Of Valparaiso“ im Calexico-Headquarter eintrudeln.

Der goldene Geist malerischer Trompeten ist zurück im Bandwagon von Calexico. “Carried To Dust“ ist ambitioniert und versessen darauf, die Stärken des zur Zeit sechsköpfig aufgestellten Ensembles entsprechend werdegangverwurzelt in Szene zu setzen. Burns und Convertino haben die Platte nicht nur geschrieben und produziert, das doppelte Calexico-Rückgrat hat dafür gesorgt, dass ihr aktuelles Album – mit den Gastbeiträgen der Marke Sam Beam (Iron & Wine), Douglas McCombs (Tortoise, Eleventh Dream Day), Amparo Sanchez (Amparanoia), Jaito Zavala oder Mickey Raphael (Neil Young, U2) – jetzt schon zu einem Fixpunkt ihres Backkatalogs geworden ist.

Wer jetzt neugierig geworden ist, der kann sich mit dem u.a. von Musicheadquarter präsentierten WEBWHEEL einen Eindruck vom neuen Calexico-Album “Carried To Dust“ verschaffen (klickt dazu einfach hier). Live kann man sich von den neuen Song bei folgenden Shows überzeugen:

09.10. Berlin - Columbiahalle
10.10. Köln - E-Werk
16.10. München - Muffathalle
19.10. Frankfurt - Mousonturm
22.10. Dresden - Alter Schlachthof
23.10. Hamburg - Fabrik

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