Cover Tapes

Die Idee des neuen Albums, ”Cover Tapes“, von Carus Thompson ist schnell erzählt – und doch steckt so viel mehr dahinter. An das Ende seiner diesjährigen Sommertour durch Europa wurde ein Termin in den Solinger ’Tube Temple Studios’ gesetzt. Dort traf sich der Australier am 7. Juni mit einer treuen Schar von Fans und Freunden und spielte u.a. 13 Songs seiner australischen Lieblingssongwriter. Hommage to some of Australia’s best singer-songwriters steht sozusagen als Untertitel auf der fertigen CD. Ein ständig reisender Singer-Songwriter zollt seinen in Europa teilweise sehr unbekannten Vorbildern, Inspirationsquellen und Kumpels Tribut.
Natürlich weiß man es nicht genau, aber beim Durchlauf der “Cover Tapes“ fällt schnell auf, warum Carus gerade diese Stücke ausgewählt haben könnte. Fast kein Track ist dabei, der einen textlich nicht sofort mitreißt und eigene Assoziationen mit dem gerade Gehörten weckt. Die Songs berühren dich sofort und es liegt auf der Hand, dass der 32-jährige sie ausgesucht hat, weil sie auch ihn seit der ersten Begegnung fesseln und nicht mehr loslassen. Die vom Publikum eindrücklich unterstützen “From Little Things Big Things Grow“ (Kev Carmody & Paul Kelly) und das nicht immer direkt am Mikro vorgetragene “Wide Open Road“ (David McComb/The Triffids) sind zwei solche Nummern, die der Hörer direkt ins Herz schließen wird.
Akustikgitarre, Mundharmonika und Ukulele sind auf den “Cover Tapes“ Carus Thompsons instrumentelle Hilfsmittel. Ob “Please Don’t Ask Me To Smile“ (Tim Rogers/You Am I), “He Was Born“ (Neil Murray) oder ”Khe Sanh” (Don Walker/Cold Chisel), man kann den Eindruck bekommen, dass jemand den weltbesten Straßenmusiker direkt auf der Einkaufsmeile untergehakt hat und mit ihm in ein Studio gegangen ist. So weit von der Wahrheit entfernt läge man bei solch einer Vermutung gar nicht. Ein Straßenmusiker ist Carus zwar nicht mehr wirklich, aber dieser spontane Geist wird hoffentlich ewig in ihm und den Songs, die er singt, wohnen.
Einige der Stücke, die sich Carus für diesen Tag ausgesucht hat, haben ein politisches oder zeitgeschichtliches Grundgerüst. Als besonders eindringliche Beispiele seien hier Nick Barkers “Plait Your Hair“ und “My Island Home“ (Neil Murray) der Aboriginal-Rocker Warumpi Band genannt. “Plait Your Hair“ erzählt eine Geschichte vor dem Hintergrund eines terroristischen Bombenanschlags – ohne den besserwisserischen Zeigefinger zu erheben – und die von Neil Murray angeführte Warumpi Band – bekannt durch ihre 1985 gemeinsam mit Midnight Oil abgehaltene ’Blackfella/Whitefella Tour’ – gilt gemeinhin als eine starke Stimme im Kampf für die Gleichberechtigung der australischen Ureinwohner.
Genau diese Session, in genau diesem Rahmen abzuhalten, war eine absolut goldrichtige Entscheidung. Das intime Studio versprüht nichts Steriles, der Mitschnitt hört sich eher nach einem kleinen, sympathischen Club an. Wenn man die Augen schließt, spielt Carus fast bei dir im Wohnzimmer. Er sitzt fünf Meter von dir entfernt, erzählt Geschichten über dir unbekannte Songwriter und spielt 13 fantastische Cover. In jeder Sekunde spürt man die Liebe, das Herz und die Wertschätzung, die in dieser Aufnahme stecken. Es entsteht Gänsehaut, ein permanentes Grinsen und auch schnell das Bedauern dieses Liveerlebnis verpasst zu haben. Aber zum Glück gibt es ja jetzt die “Cover Tapes“.