Crippled Black Phoenix

(Mankind) The Crafty Ape

Veröffentlicht: 27.01.2012 / Cool Green Records / Mascot Records Group / Rough Trade

Von: Shirin K

Crippled Black Phoenix

"Use your anger to creatively destroy your oppressors" (ich verzichte mal auf eine Übersetzung, weil man das nur auf Englisch so schön ausdrücken kann) – dieser Leitspruch prangt nicht nur ganz groß auf dem Booklet von "(Mankind) The Crafty Ape", dem neuen Album der britischen Rockband Crippled Black Phoenix. Auch der Opener des Doppelalbums beginnt mit dieser Ansage und gibt die musikalische und inhaltliche Zielrichtung des Werkes an: CBP machen keine gleichgeschaltete Musik, die einfach nur gefallen will - wer sich diese Band anhört, muss bereit sein, sich auf das Sounduniversum und den konstruktiven Zerstörungswillen von Justin Greaves und seiner Mitmusiker einzulassen. Und weil sich das verdammt noch mal lohnt, gibt es hier eine Lobeshymne auf dieses Meisterwerk, das jetzt schon das Potential hat, Album des Jahres zu werden.

Über Crippled Black Phoenix ist schon viel geschrieben worden, von Pink Floyd ist die Rede, von Post- und Progressive-Rock und Endzeitballaden und weiß der Kuckuck was. Die Referenzen zu Pink Floyd sind sicherlich da und werden songweise auch ordentlich ausgeschlachtet (wie z.B. beim ersten Track "The Heart Of Every Country"), aber die Band darauf zu reduzieren, wird der Sache nicht gerecht. Denn die musikalische Bandbreite ist unermesslich groß, und dennoch gibt es so etwas wie einen ureigenen Sound von CBP. Um ihn zu beschreiben, kann man eigentlich nur zu Krücken greifen, denn noch nicht mal Fantasie-Worte wie melancholerisch, mysthologisch, alptraumwandlerisch, gevergewaltigend oder sexistentialistisch können nur Teilaspekte beschreiben. Es ist die einzigartige Mischung aus all dem und noch viel mehr, die den Reiz von CBP ausmacht.

Wer sich den Urgewalten von "(Mankind") The Crafty Ape" stellt, wird mit einem in drei Kapitel aufgeteilten Werk konfrontiert, jedes Kapitel durch kleine atmosphärische Instrumentalstücke aufgelockert. Im ersten Kapitel "A Thread" haben wir es mit überwiegend getragenen Klängen zu tun, die direkt auf das Gefühlszentrum des Zuhörers zielen. Da sind die bereits erwähnte Floydesque "The Heart Of Every Country", die hypnotischen Beats von "Get Down And Live With It", die von kräftigen weiblichen Vocals und Pianoakkorden übermalt werden, oder das lässig-bluesige "A Letter Concerning Dogheads", das am End von einem apokalyptischen Riff-Strudel verschluckt wird. Noch lässiger kommt der am besten betitelte Song des Albums "The Brain/Poznan" daher, der viele Siebziger-Rock-Momente aufzuweisen hat und mit dem CBP vor ihrer Lieblingsstadt Posen eine Verbeugung machen (in welcher anderen Stadt begibt sich denn auch ein tanzender Bär auf der Bühne die Ehre Â…).

Im zweiten Kapitel von Mankind legen CBP an Tempo zu und werfen mit "Laying Traps" (von dem mittlerweile auch ein schickes Video existiert) einen Song ins Rennen, der entfernt an Joy Divisions Übersong "Dead Souls" erinnert, aber statt Resignation Aufbruchstimmung und Aufruhr zum Ausdruck bringt. Volle Rock-Kraft voraus geht es bei "Born In A Hurricane" weiter, mit einer erfrischenden Mischung aus jazzigem Gebläse und erdigen Gitarrenriffs. Fast nahtlos geht es dann weiter mir "Release The Clowns", ein weiterer nach vorne marschierender Kracher, in dem (Ex-)Sänger Joe Volk von Gast-Sängerin Daisy Chapman unterstützt wird. Zum Ausklang gibt es dann mit "(what?)" (yep, in Klammern gesetzt) ein wenig Katharsis via Mandoline.

Im dritten Kapitel "The Blues Of Man" haben wir es mit absoluten bad-ass-Rock-Strukturen zu tun. Musikalisch wieder deutlicher in den Siebzigern und im Blues angesiedelt, fühlt man sich in einen schummerigen Saloon versetzt, in dem gebrochene Existenzen vor ihrem Bier sitzen und eine abgetakelte Tänzerin sich lustlos an der Stange rekelt. Wie lustvoll und sexy das Ganze klingen kann, beweist "A Suggestion (Not A Very Nice One)". Es folgt danach mit "Operation Mincemeat" eine der schönsten Balladen, die CBP je geschrieben haben (ja, würde man bei diesem Titel nicht wirklich vermuten), getragen von der sehr fragilen und elfenhaften (ich hasse das Wort, aber hier ist es nun mal so) Stimme der Gastsängerin Belinda Kordic und Bläsern deluxe. Mit dem Piano-lastigen Instrumentalstück kündigt "We'll Never Get Out Of This World Alive" dann auch schon das Ende des dritten Kapitels und des Gesamtwerkes an. Und was für ein Finale, möchte ich schreien: "Faced With Complete Failure, Utter Defiance Is The Only Response" ist 14 Minuten pure Ekstase!!! Ein Instrumentalmonster, das mit seinen wuchtigen Soundwänden, aufgebaut von Streichern und wirbelnden Gitarrenriffs alle Naturgewalten heraufbeschwört und sich dann langsam auflöst – ein Gefühl, als würde man in Zeitlupe im stillen Ozean auf den Meeresboden herabsinken. Bevor sich alles in einem schwarzen Loch auflöst, wird dem hypnotisierten Zuhörer noch der Leitspruch "Use your anger to creatively destroy your oppressors" drill-artig um die Ohren gehauen, bis er ihn willenlos, roboterartig vor sich herstammelt. Oh Mann, so schön kann Zerstörung sein!! Hundert Jahre Einsamkeit mit diesem Album? Gebongt!

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