Fools And Worthless Liars

Wofür steht (Post-)Hardcore eigentlich? Zu relativ harmlosen Melodien die tiefste Verzweiflung ins Mikrofon brüllen? So gesehen, hat sich Deaf Havana im Jahr 2010 quasi über Nacht aus diesem Genre verabschiedet und das nicht, weil man sich zu einem Stilwechsel entschieden hatte, vielmehr hatte Frontmann Ryan Mellor die Band verlassen. Statt einen neuen Sänger mit ähnlichem Expressionsdrang zu suchen, machen die Verbliebenen seitdem einfach zu viert weiter und spielen eingängigen Alternative-Rock. Am Mikrofon nun mit Gitarrist James Veck-Gilodi. Und der macht sich auf ihrem aktuellen Album "Fools And Worthless Liars" ganz gut.
Mit einem gehörigen Schuss Lagerfeuer-Atmosphäre hält man zu Beginn Rückschau auf die "Past Six Years" der Bandgeschichte. Melancholisch, jedoch mit eingestöpselten Gitarren bleibt der Blick mit "Youth In Retrospect" in der Vergangenheit. Wer anspruchsvolle Lyrics erwartet, wird bei Deaf Havana 2012 nicht fündig. Sympathisch ist dabei, dass Veck-Gilodi daraus keinen Hehl macht und den simplen Charakter seiner Texte einfach damit erklärt, dass er das Texten für dieses Album eben zum ersten Mal praktiziert hat. Auch von einer Schreibblockade beim Komponieren berichtet er. Als er in dieser Phase dann die Stadt, nämlich London verließ, kam seine Kreativität und Produktivität auf dem Land zurück. Das hört man Stücken wie "I Will Try" und "Anemophobia" tatsächlich an. Wer auf straighten und melodiösen Rock in 3-Doors-Down-Machart steht, sollte Deaf Havana im Blick haben.
Für "I´m A Bore, Mostly..." wurde ein ansehnliches Video produziert, das ihr euch am Ende dieses Reviews anschauen könnt. Beim Durchstöbern anderer Videos von der und über die Band fallen die nicht geringen Views auf. Ganz so unbekannt können die vier Musiker aus Norfolk, England nicht sein. Britisch klingen sie seit ihrem Wandel übrigens nicht mehr. Musikalisch verortet man sich nun jenseits des Atlantiks. Manchmal steckt auch ein Schuss Punk in den Pop-Arrangements wie in "Nelson´s Country". Auf echte Höhepunkte wartet man in der zweiten Hälfte von "Fools And Worthless Liars" aber vergebens. Mit diesem Werk lassen sich Deaf Havanna noch etwas Luft nach oben für kommende Projekte. Auf diese darf man aber durchaus gespannt sein.